CES 2018: Unterwegs in selbstfahrenden Taxis

      CES 2018: Unterwegs in selbstfahrenden Taxis

      Autonomes Fahren wird mehr und mehr ein Thema, gerade auf den großen Tech-Messen trifft man daher auch immer mehr Autohersteller. Aptiv ist vermutlich den wenigsten ein Begriff, aber dahinter verbirgt sich ein Unternehmen, das bereits seit über 50 Jahren aktiv ist und diverse Entwicklungen maßgeblich vorangetrieben hat.

      Zur CES 2018 hat Aptiv dann auch eingeladen um seinen aktuellen technischen Stand zu demonstrieren. Dabei war man der einzige Anbieter, der am regulären Straßenverkehr teilnehmen durfte, während Mercedes den halben Vegas Strip absperren ließ, um sein autonom fahrendes Konzept zu demonstrieren. Ich hatte dadurch auch die Chance, eine Runde mit einem autonom fahrenden Fahrzeug zu drehen. Aber fangen wir von vorne an.

      Aptiv ist in der Regel nicht direkt sichtbar, denn man produziert keine eigenen Fahrzeuge, sondern „nur“ die Hard- und Software, die für (teil-) autonomes Fahren nötig ist. Wer von euch ein aktuelles Auto mit Assistenzsystemen wie Abstandsmessern, Parkassistenten oder Spurhalteassistenten nutzt hat also auch eine recht hohe Chance, dass er bereits Technik und Software von Aptiv nutzt.

      Welche Technik nötig ist, um ein Fahrzeug autonom durch den Stadtverkehr zu lotsen zeigen wir euch im Video:

      Da ich während der Fahrt leider nicht filmen durfte – warum auch immer – müsst ihr nun mit meinen Eindrücken in Textform vorlieb nehmen.

      Allerdings: Die Fahrt selbst war ziemlich unspektakulär, was eigentlich auch wieder gut ist. Los ging es erstmal damit, sich ein Fahrzeug zu ergattern. Gelöst hat Aptiv das durch eine Kooperation mit Lyft, einem Ridesharing-Anbieter aus den USA. Geordert wurde einfach per App, dort gab es dann auch immer eine Anzeige mit der aktuellen Wartezeit und wo sich „mein“ Auto gerade befindet. Es ist letzten Endes so, als wenn man sich via MyTaxi ein Taxi ruft.

      Der erste Blick ins Auto war dann allerdings recht ernüchternd: Es saß ein Fahrer am Steuer. Der diente aber nur der Sicherheit, für den Fall dass das System eine Situation nicht korrekt erkennt. Außerdem durften die autonomen Taxis lediglich auf öffentlichen Straßen autonom fahren, nicht auf Privatwegen. Auch wenn das nach deutschem Verständnis ein wenig seltsam wirkt 😉 .

      Einmal Platz genommen, fiel der Blick direkt auf das große Tablet auf dem Armaturenbrett: Dort wurden Livedaten angezeigt, was die Sensoren gerade in der Umgebung so entdecken. Ziemlich spannend zu sehen, wie Menschen schon in mehreren Metern Entfernung erkannt wurden und sich Autos, Busse und Gegenstände am Straßenrand langsam in das Blickfeld von Radar, LiDar und Kameras schoben.

      aptiv technik autonomes fahren

      Die Punkte auf dem Display sind die Personen, die das System erkannt hat.

      Neben dem Fahrer war dann auch noch ein Ingenieur an Bord, der Fragen zur Technik beantworten konnte und weitere Details erläutert hat. Las Vegas hat nämlich beispielsweise die Besonderheit, dass die Ampeln bereits mit einem System ausgestattet sind, das den aktuellen Status an Autos in der Umgebung sendet. Verfügt das Auto, wie unser autonomes Taxi, also über die nötige Technik, erhält es auch ohne Sichtkontakt zur Ampel den aktuellen Stand der Dinge. Das ist beispielsweise dann wichtig, wenn ein Bus oder LKW direkt vor einem den Kameras (und dem „Fahrer“) die Sicht auf die Ampeln verdeckt.

      Wer schon einmal in den USA war wird zudem wissen: Der Verkehr ist furchtbar. Schlimmer, als ich es bislang erlebt habe – eventuell entstand der Eindruck aber auch dadurch, dass es einfach viel mehr Fahrspuren gab.

      Umso besser schnitt daher dann auch das Aptiv System ab: Die Umstellung vom Fahrer auf das autonome System machte das Auto zwar deutlich hörbar mit einer „Autonomous Mode“ Ansage klar, ansonsten gab es aber erstmal keinen spürbaren Unterschied.

      Gesteuert wurde das Auto vom Navigationsgerät, das die Zieladresse kannte, und natürlich dem im Video beschriebenen System aus Radar, LiDar und Kameras. Fahrspuren, andere Autos, Abbiegespuren, Ampeln und selbst Zebrastreifen hat das System fehlerfrei erkannt und hat uns souverän durch das Chaos von Las Vegas navigiert.

      Autonomes vs. menschliches Fahren

      Der auffallendste Unterschied zwischen Menschlichem Fahrer und dem autonomen System? Alle Vorgänge, sei es Beschleunigung, bremsen, lenken, die richtige Spur finden, usw. liefen weit flüssiger, ruhiger ab. Gerade Beschleunigung und Bremsen waren nahezu nicht spürbar, was die gesamte Fahrt extrem angenehm gemacht hat. Klar: Der Petrolhead wird jetzt natürlich den Kopf schütteln und auf die G-Kräfte vor allem beim Beschleunigen schwören. Aber gerade im normalen Stadtverkehr ist mir eine ruhige Fahrweise bedeutend lieber. Zudem schont das einerseits die Technik, andererseits auch den Benzinverbrauch.

      Durch den Verkehr und die Regelungen in Las Vegas waren wir auf maximal 30 MPH, also in etwa 45 kmh, limitiert, das System wäre jedoch laut Aussagen des Ingenieurs auch problemlos in der Lage, höhere Geschwindigkeiten zu verarbeiten. Ein Limit hat er dabei nicht genannt.

      Insgesamt war die Fahrt durch all das sehr… unspektakulär. Man stellt es sich eigentlich sehr aufregend vor, in einem autonom agierenden Fahrzeug unterwegs zu sein, aber am Ende war der größte Unterschied, dass das autonome System schlichtweg der gefühlvollere und umsichtigere Fahrer war.

      Die Zukunft des autonomen Fahrens

      Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, wie es in Zukunft weitergeht. Autonomes, vollautomatisiertes Fahren wird in naher Zukunft vor allem durch zwei Faktoren noch ausgebremst werden: Die rechtliche Klärung, wer im Schadensfall haftet und der Faktor Mensch am Steuer der nicht autonomen Fahrzeuge.

      In naher Zukunft bieten sich die autonomen Systeme vor allem als Flottenfahrzeuge an: Taxiunternehmer können damit – auch wenn das viele nicht hören wollen – die Kosten dramatisch senken, da der Fahrer eingespart wird. Die reduzierten Preise können wiederum dazu führen, dass weniger Individualverkehr in den Innenstädten unterwegs ist, was wiederum zu weniger Stau und damit weniger Abgasbelastung führt. Gerade wenn die Fahrzeuge dann elektrisch unterwegs sind und selbstständig in den Pausen laden können, wäre das ein großer Gewinn für das Stadtbild.

      Dem gegenüber steht natürlich wie erwähnt die rechtliche Klärung der Haftung und natürlich auch die nötige Erweiterung der Infrastruktur selbst hin zur Smart City mit vernetzten Parkhäusern, Ladestationen, Ampeln und Verkehrsleitsystemen.

      Betrachtet man die Entwicklung auf lange Sicht, wäre es sogar denkbar, dass durch die Vernetzung aller Verkehrsteilnehmer sowie der Infrastruktur keine Ampeln mehr nötig wären. Auf Kreuzungen könnten sich die Systeme einfach untereinander so abstimmen, dass je nach Situation der optimale Verkehrsfluss möglich ist. Das ist aber natürlich noch Zukunftsmusik und setzt voraus, dass keine menschlichen Fahrer diesen Fluss unterbrechen oder verhindern.

      Nicht nur aptiv hat seine Technik demonstriert, sondern auch viele weitere Anbieter – bei Navya konnte ich mit dem ‚Autonomous Cab‘ einen etwas anderen Ansatz als bei Aptiv und Lyft ausprobieren.

      Dann ist da noch der ethische Aspekt. Denn klar ist, dass langfristig gerade die Jobs von Taxifahrern, Busfahrern, usw. gefährdet werden. Dieser Umbruch wird nicht über Nacht kommen, aber in den kommen Jahrzehnten immer akuter werden. Andererseits stehen dem gegenüber neue Jobs, die nötig werden, um diese ganze Technik zu betreuen. Auch autonome Fahrzeuge brauchen Wartung, die Software muss gepflegt und entwickelt werden, die Infrastruktur muss erhalten werden, etc. Dazu kommt noch die höhere Lebensqualität für Ballungsräume. Weniger Schadstoffe in der Luft, weniger Lärm durch Fahrzeuge, mehr Raum für andere Tätigkeiten, flexiblere Möglichkeiten der Fortbewegung und vieles mehr.

      Ich stelle einfach mal ein Szenario in den Raum, um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus will:

      Freitag, 16:30 Uhr, Feierabend – in der Innenstadt. Es steht aber erstmal noch ein Einkauf bei einem großen schwedischen Möbelhaus – am Stadtrand – an. Entweder steigt man nun in sein Auto und quält sich gefühlte Stunden durch die verstopfte Innenstadt, ärgert sich über Radfahrer und andere Autofahrer, die Ampelschaltungen, den Trottel der alles verstopft weil er in 2. Reihe parkt und so weiter. Kennt ihr ja sicher alles. Alternativ drängt man sich in den vollen ÖPNV und fährt mit 5 Mal umsteigen und drei verschiedenen Verkehrsmitteln dort hin.

      Nach dem Einkauf – natürlich wurde es wieder mehr als nur die eine Packung Teelichter und die eine Nachttischlampe – muss dann noch das komplette neue Schlafzimmer nach Hause kommen. Also entweder ein Möbeltaxi bestellt, den Lieferservice für einen hohen Aufpreis bemühen, der dann die Hälfte vergisst, oder noch schnell dem entfernten Bekannten mit dem Lieferwagen auf die Nerven gehen.

      Einmal angekommen muss noch ein Parkplatz gefunden werden, denn natürlich sind schon alle Nachbarn zuhause und die ganze Straße zugeparkt – wie immer.

      Alles nicht so wirklich optimal und eher nervig und anstrengend. Das ließe sich optimieren:

      Freitag, 16:30 Uhr, Feierabend in der Innenstadt. Man ruft für den Weg zum blau-gelben Möbelhändler seines Vertrauens ein autonomes Fahrzeug, das flüssig, ohne Staus, Unfälle und halbe Nervenzusammenbrüche navigiert und ggf. unterwegs noch Mitfahrer mit dem gleichen Ziel oder einem Ziel auf der Strecke einsammelt. Währenddessen guckt man seine Lieblingsserie weiter, überlegt sich, was man denn braucht oder hält einfach ein Nickerchen.

      Einmal angekommen und eingekauft kann dann der autonome Lieferwagen bestellt werden, der pünktlich nach dem Bezahlen (oder dem fast schon obligatorischen Hot Dog) in der Ladezone steht, sodass direkt beladen werden kann. Optimalerweise wird sogar automatisch gepackt und beladen, weil Möbelhaus und Fahrzeug miteinander kommunizieren können.

      Unterwegs nach Hause kann man sich dann ganz in Ruhe darüber ärgern, dass man viel zu viel Geld ausgegeben hat, ohne auf den Verkehr achten zu müssen und am Ende bleibt eigentlich nur noch das Ausladen und Aufbauen.

      Unsere zur Hilfe gerufenen Fahrzeuge sind unterdessen weiter in der Stadt unterwegs oder laden irgendwo in einem (unterirdischen) Parkhaus ihre Akkus auf. Ganz ohne unsere Hilfe.

      Klingt viel entspannter, oder? 😉

      Natürlich ist es bis dahin noch ein langer Weg, gerade in Deutschland sind die Hürden dafür sehr hoch und es sind noch viele Fragen zu klären. Und so befremdlich das Ganze auch für den leidenschaftlichen Autofahrer klingen mag: Ich bin mir sehr sicher, dass das die Zukunft sein wird. Ähnlich wie kontaktloses Bezahlen per Smartphone oder standardmäßige Authentifikation per biometrischen Merkmalen.

      Aber zugegeben: Ich war anfangs auch sehr skeptisch, ob der Risiken des autonomen Fahrens und möglichen Störungen im System. Betrachtet man die Technik dahinter genauer, wird aber schnell klar, dass die Technik bereits sehr weit ist und auf vielen Ebenen redundant arbeitet, um den Betrieb zu sichern. Erlebt man es in der Praxis, sind die Bedenken hinsichtlich der Technik ziemlich schnell vergessen.

      Aber jetzt ihr: Wie seht ihr das? Könntet ihr euch in der näheren Zukunft vorstellen, auf das eigene Auto zu verzichten und euch statt dessen rein Autonom von A nach B bringen zu lassen?

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