Lemmings Mobile im Test: mit Köpfchen durch die Paywall?

Lemmings Mobile im Test: mit Köpfchen durch die Paywall?

Erinnert ihr euch noch an die gute alte Zeit? Eine Zeit, in der man für 30 Mark eine Menge an Spielspaß bekommen hat. Viele kennen sie auch als die Zeit von Siedler, Civilisation und auch von Lemmings. Die 90er kann man nicht zurückholen, aber manch altes Spiel schon. Sony hat Lemmings jetzt für Smartphones neu aufgelegt und ich habe mir die Mobile Version mal angeschaut.

Das Kultspiel Lemmings kam als Original bereits 1991 auf den Markt und nach einigen Nachfolgern und Ablegern gibt es auch heute noch viele treue Anhänger da draußen. Genau diese alte Generation weiß die Qualität und den Spielspaß der alten Titel zu schätzen. Was damals niemand dachte – auch die Freiheit in den Spielen war im Vergleich zu heute um einiges größer. Keine InGame-Währung, Paywalls, Mikrotransaktionen und Co. Deswegen sind viele Nutzer zurecht skeptisch, wenn bekannte Marken aus der Kindheit als Smartphone-Game neu aufgelegt werden. Die emotionale Bindung ist groß – und damit einhergehend auch häufig das Maß der Enttäuschung.

Große Namen werden in der Mobile-Mühle gemahlen

Zuletzt war es Comand & Conquer Rivals, das mit namhaftem Titel die Herzen den Mobile Gamer erobern wollte. Als kostenloses und generisches P2W-PvP-Mobile-Game macht es seine Sache auch nicht schlecht. Mit dem ursprünglichen C&C auf dem PC hat es jedoch nur noch am Rande etwas zu tun. Der Name aber, der hilft. Er schafft deutlich mehr Aufmerksamkeit als „Generic Pay2Win PvP RTS XY“. Doch wie steht es nun um die Neuauflage von Lemmings?

Kurzer Rückblick: Psygnosis, der Publisher von damals, wurde 1993 von Sony gekauft und 2012 geschlossen. Der Entwickler DMA Design hat allerdings eine ziemliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Unter anderem veröffentlichten sie Grand Theft Auto, wurden mehrmals aufgekauft und landeten schließlich bei Take-Two Interactive und Rockstar Games. Nach der Veröffentlichung von GTA 3 im Jahr 2001 wurden sie zu Rockstar North umbenannt.

Das hat mit der mobilen Version aber kaum noch etwas zu tun. Verantwortlich dafür ist ein Studio namens Sad Puppy. Über dieses findet man im Netz nicht grade viel. Auch im Google Play Store ist unter diesem Namen neben Lemmings nur noch Cooking Merge und Cricket Kid gelistet. Beide Spiele dürften grade erst veröffentlicht sein und haben kaum Bewertungen. Kein Wunder, fehlt im Vergleich zu Lemmings doch der Bezug zu einer großen Spieleserie.

Lemmings Mobile: einfacher und hübscher als das Original

Schauen wir uns den jungen Ableger fürs Smartphone mit den legendären Ahnen an. Klar, im Jahr 2018 sind 8 Bit Schnee von gestern. Das mobile Lemmings ist deutlich schöner anzusehen. Es gibt viele Leuchteffekte, Konfetti fliegt an jeder Ecke durch die Luft und alles ist aufwendig und flüssig animiert. Knuffig sind die kleinen Racker aber immer noch.

Die Level an sich wirken erstmal sehr klein und segmentiert, denn es gibt ein Raster im 14×8-Format. Gespielt wird neuerdings hochkant. Bestimmte Rollen und Werkzeuge werden zudem nicht mehr direkt an die Lemminge verteilt, sondern auf einem Quadrat im Raster platziert. Der erste Lemming, der das bspw. mit Treppen oder Buddeln ausgerüstete Quadrat passiert, fängt auch damit an. Den Fallschirm bekommen jedoch alle Lemminge automatisch, die über das entsprechende Quadrat fliegen.

Energie begrenzt, Gold befreit

Eine direkte Limitierung der Werkzeuge gibt es nicht, allerdings kosten sie Energie. Von der habt ihr am Anfang 60 Punkte. Natürlich kommen wir hier auch gleich zur unverzichtbaren InGame-Währung in Form von Gold. 150.000 Gold gibt es „schon“ für 100 Euro*. Bei diesem „Top-Deal“ schreien nicht nur die Lemminge Jippie! Energie lässt sich natürlich gegen Gold auffüllen, außerdem könnt ihr die wertlose Währung, Eier und Extras im Shop kaufen, darunter doppelte Lemminge, Fallen deaktivieren oder ein Versicherungsschein, der beim Scheitern die verwendete Energie erstattet. Diese Extras ploppen auch vor jeder Mission auf. Wer sich ungeschickt anstellt, kann damit den frohlockenden Pay2Win-Mechanismus aktivieren.

In den Eiern verstecken sich Skins, mit denen einige Lemminge auch während der Missionen anders aussehen. Zudem sammelt ihr Stämme bzw. Skin-Sets mit jeweils fünf Skins. Habt ihr einen Satz komplett, gibt es – wie könnte es anders sein – natürlich eine leuchtende Belohnung in Form von Gold, Energie, Extras oder Lemmingen. Lemminge benötigt ihr nämlich, um in der „Geschichte“ weiterzukommen und Planeten zu bevölkern. Fragt lieber nicht. Ihr bekommt den Großteil mit jeder abgeschlossenen Mission. Wenn ihr genug Lemminge gesammelt habt, kommt ihr zum nächsten Planeten.

Anfangs geht das wie in jedem Pay2Win- oder hier eher Pay2Play-Game relativ schnell, aber bereits ab Planet 3 könnt ihr mit 60 Energie noch 3-4 Missionen erledigen. Dann heißt es warten und die Energie alle 75 Minuten häppchenweise à 20 Stück bekommen – oder mit dem Shop liebäugeln und sich den ersehnten Goldschuss setzen. Wer zwei Stunden mit unbegrenzter Energie in einem Smartphone-Spiel verbringen will, zahlt dafür 5,99 Euro*. Ein Preis, den ich einmalig für das gesamte Spiel durchaus akzeptabel gefunden hätte.

Wie lange ihr kostenfrei spielen könnt, hängt allerdings auch von eurem Köpfchen ab. Wer Missionen mit wenig Werkzeugen bzw. somit auch Energieaufwand bestreitet, kommt mit 60 Energie wesentlich weiter als jemand, der einfach „wild drauf los spielt“. Danach warten aber auf alle gleichermaßen die heißgeliebten Preisschilder.

Turniermodus und bewährte Glücksrad-Suchtspirale

Ab Welt 4 wird übrigens der Turniermodus freigeschaltet. In diesem könnt ihr euch mit anderen Spielern messen. Wer mehr Lemminge als der Rest rettet, steigt auf. Natürlich taucht nicht zu selten im Spiel auch ein Glücksrad auf. Hier könnt ihr diversen „wertvollen“ Kram nach jeder Mission gewinnen. Wer mit seinem Gewinn unzufrieden ist – und das werdet ihr vermutlich häufiger sein – kann im Tausch für ein angeschautes Werbevideo noch mal drehen. Gleiches gilt für spontan angebotene Lemmingpakete, die im Wechsel für ein angeschautes Video auf euer Konto wandern.

Damit ihr regelmäßig reinschaut, gibt es selbstverständlich auch den täglichen Superdreh. Alle investitionsfreudigen Glücksradler drehen für 2,79 Euro* auch einfach mal innerhalb der Schonfrist. Hier setzt man wie so häufig auf das Belohnungsprinzip der Psychologie an: Eier öffnen, leuchtende Ressourcen, Zufallsboni – das bewährte Spiel. Letztendlich soll man am Glücksrad drehen, ich drehe allerdings eher am Rad, wenn ich an Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene denke, die schnell in der Suchtspirale landen.

Portionierter Spaß für zwischendurch – Fans der Serie machen einen Bogen

Eine Empfehlung kann man grade für die Fans der Originalteile sicherlich nicht aussprechen. Das Prozess ist wie immer typisch für kostenlose Smartphone-Games: Einfacher Einstieg, anfangs schnelles Vorankommen, Belohnungen und Tagesboni, überflüssige InGame-Währungen, gezielte Bezahlmauern, Suchtreflexe, Wartezeiten und letztendlich entweder Abneigung und Deinstallation, Akzeptanz und Disziplin beim Warten oder die Investition von „ein paar tausend Euro“ und das Durchspielen binnen drei Tagen.

An sich würde mich das alles gar nicht so stören, denn man kann zumindest temporär kostenlos spielen. Allerdings bleibt der mobile Ableger zumindest am Anfang deutlich hinter dem Original zurück, was Komplexität und Spielfeldgröße anbelangt. Warum gibt es keine horizontalen Level? Zudem lassen sich die Lemminge nicht einzeln mit Werkzeugen ausstatten und eine sinnvolle Einteilung ist – zumindest bei voller Energieleiste – kaum notwendig. Den Stopper anzuwenden wird bei Lemming-Anhäufungen zudem eher zum Glückstreffer. Eine Pausenfunktion ohne Menü zum Nachdenken wäre auch nett gewesen.

Letztendlich kennen die Kids von heute die originalen Teile nicht und wachsen mit dem Pay2Win-Kram auf. Damals gab es vergleichsweise viel für wenig Geld. Heute gibt es wenig für gar kein oder alles sofort für unglaublich viel Geld. Ein Trend, der in der Spielebrache generell anzutreffen ist und auf dem Smartphone (hoffentlich) aktuell seinen Höhepunkt findet.

Wer kostenlose Mobile-Games kennt, seine Erwartungen niedrig hält und selten spielt, kann für eine mit steigendem Spielfortschritt immer kürzer werdende Zeit sogar etwas Spaß haben. Alle anderen machen besser einen großen Boden um Lemmings Mobile.

Lemminge - Puzzle-Abenteuer
Lemminge - Puzzle-Abenteuer
Entwickler: Sad Puppy Limited
Preis: Kostenlos+
Lemminge - Puzzle-Abenteuer
Lemminge - Puzzle-Abenteuer
Entwickler: SAD PUPPY
Preis: Kostenlos+

*Stand: 21.12.2018

Veröffentlicht von

Die Leidenschaft fürs Zocken wurde bereits in den frühen 90ern mit Bubble Bobble am Sega Master System II geweckt. Spielt mittlerweile hauptsächlich am PC und hätte gerne viel mehr Zeit, um sich seinem ständig wachsenden Pile of Shame zu widmen.

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Ein sehr guter text, der sich 1:1 auf fast jedes dieser modernen Handyspiele übertragen dürfte.
Daher lösche ich jedes Spiel, wenn es so losgeht, egal wie interessant es vorher war.

Und ich meine, die Anbieter sorgen dafür, dass die paywalls nicht zu früh kommen, da man ja sonst versuchen könnte, eine Rückerstattung im Androidstore zu beantragen…