Retromania: Atari Lynx – der frühe Farb-Gameboy

Atari-Lynx-TeaserEr war die erste mobile Spielekonsole mit Farb-LCD-Bildschirm: Der Atari Lynx erschien bereits kurz nach Nintendos erstem Gameboy, blieb aber trotzdem im Schatten der erfolgreichen Legende. Dabei hatte der „Luchs“ des Videospiel-Pioniers einiges zu bieten. Im Gegensatz zum Atari Jaguar sogar einige gute Spiele.

Zwei Monate nach dem Gameboy stellte Atari den Handheld Lynx vor, einen technischen Überflieger im Bereich mobiler Spielekonsolen. Entwickelt von der Spielefirma Epix, bot die Daddelkiste den ersten Farbbildschirm in einem mobilen Videospielsystem. Das Display besaß eine beachtliche Größe von 3,5 Zoll, eine Auflösung von 160 x 102 Pixeln und zeigte 16 Farben aus 4096 an. Zum Vergleich: Die ein Jahr früher veröffentlichte Heimkonsole Sega Mega Drive bot zwar mit 64 Farben ein deutlich „bunteres“ Bild, musste sich aber mit einer Palette von nur 512 Farben begnügen. Eine Besonderheit des Lynx war die 16-Bit-Grafik-Engine. Sie ermöglichte Hardware-Sprites und -Scrolling sowie Sprite-basierte Grafikeffekte wie Dehnen und Stauchen. Der Hauptprozessor, ein 8-Bit-Chip Motorola 6502, schlich mit einer Taktfrequenz von 16 MHz vor sich hin, ein mathematischer Co-Prozessor sorgte für Unterstützung: Zu langsam wirkte der Lynx durch die zusätzliche Hardware nie.

Der linke Pferdefuß des Atari Lynx war sein Preis: 180 US-Dollar sollte das Gerät Ende 1989 kosten. Der rechte Fuß war die Verfügbarkeit, denn Atari konnte zu Beginn nur 50.000 Stück ausliefern und begrenzte den Verkauf auf New York. Immerhin 90 Prozent der Einheiten verkauften sich, im nächsten Jahr nach Schätzungen 500.000 Stück. Im Juli 1991 folgte mit dem Lynx II eine überarbeitete Version. Sie steckte in einem kompakteren Gehäuse und bot eine bessere Akkulaufzeit, die sich von rund vier auf knapp fünf Stunden erhöhte. Die Hintergrundbeleuchtung des LCDs ließ sich abstellen. Außerdem genoss man über die Kopfhörerbuchse nun Stereoton. Der Preis sank auf 99 Dollar. Die Verkäufe stiegen zwar an, die Konkurrenten Gameboy und das inzwischen erschienene Sega Game Gear zogen aber am Lynx vorbei und drängten Atari auf den undankbaren dritten Platz.

Atari-Lynx-I-Handheld_k

Der Atari Lynx, das erste Modell …

Atari-Lynx-II-Handheld_k

… und die überarbeitete Version Lynx II

Mit dem Atari Lynx II begann für mich ein Jahrzehnt der Videospiel-Begeisterung. Danach folgten in der Sammlung etliche Systeme wie Super Nintendo und PC-Engine. In guter Erinnerung blieben mir die Lynx-Titel Chips Challenge, Klax, Awesome Golf, das Jump ’n’ Run Toki und vor allem Todd’s Adventure in Slime World. Slime World erinnert etwas an Nintendos (weit ausgefeilteres) Metroid, punktete zu seiner Zeit aber beispielsweise mit einem einzigartigen 8-Spieler-Modus. Man benötigte hierfür weitere Spiele und Konsolen pro Mitspieler sowie eine ausreichende Anzahl von ComLynx-Kabeln. Das machte die Angelegenheit eher zu einer theoretischen Möglichkeit. Das Angebot an Spielen hielt aber auch etliche Spielspaßbremsen bereit.

Exklusive Hochkaräter wie für die Konkurrenz aus dem Nintendo- und Sega-Lager glänzten durch Abwesenheit. Einem Mario oder Sonic hatte Atari nichts entgegenzusetzen. Insgesamt erschienen rund 72 von Atari produzierte Titel, was Sammlerherzen erfreuen mag, die eine Komplettsammlung anstreben. Erschwert wird dies aber durch eine Besonderheit: Atari änderte im Lauf der Zeit die Cartridge-Form. Beim ersten Design, das nur die ersten fünf Spieletitel betraf, war es schwierig, das Modul aus dem Gerät herauszunehmen. Das zweite Design erleichterte dies zwar, dafür konnte man die Cartridges nicht mehr gut stapeln. Der dritte Design-Versuch löste dieses Problem nicht perfekt, aber vereinfachte durch eine Art Griffmulde nochmals die Herausnahme und sollte die endgültige Form darstellen.

Das endgültige Aus des Lynx läutete aber 1993 Konkurrenz aus eigenem Hause ein: Atari veröffentlichte das (glücklose) Jaguar-System, das 32-Bit- und 64-Bit-Komponenten mischte und gegen Super Nintendo und Mega Drive platziert war. 1995 erschienen mit Battlezone 2000 und Super Asteroids/Missile Command noch die letzten von Atari produzierten Spiele für den Handheld. Nach dem offiziellen Ende sollte es trotzdem weitergehen, denn Fremdhersteller und Enthusiasten boten und bieten teilweise frische Spiele auf PCB-Platinen oder als Download zum Überspielen auf EPROMS an. So erschienen 2009 beispielsweise die Titel Lynxopoly und Zaku.

Wenn ich heute zurückblicke, gab es im Handheld-Bereich einen anderen Sieger: Die PC Engine GT oder TurboExpress von NEC, die 1990 den Markt ergänzte. Ihr großer Vorteil: Sie spielte alle HuCards der PC Engine auf dem brillanten Farbdisplay ab und hatte somit eine der attraktivsten Spiele-Bibliotheken überhaupt. Dennoch erinnere ich mich gerne an Ataris Luchs, mit dem man einige schöne Zockerstunden verbringen konnte und sogar noch kann.

Bilder: Wikipedia, Evan-Amos, YouTube-Screenshot
Weiterführende Links:
Liste der Lynx-Spiele
Sehr viele Informationen, Listen und Reviews auf AtariAge

Weitere Retromania-Artikel findest du hier:
Apples Kompaktkamera QuickTake
Die Laserdisc
Pippin Spielekonsole von Apple
Virtual Boy von Nintendo
10 Jahre ROKR von Motorola – Apples iTunes-Phone-Flop
Microma: Die 15 Millionen Dollar Smartwatch von Intel
HP-41C – König der Taschenrechner
Test des Apple eMate 300
10 innovative Notebooks ab 1979
Nokia 9000 Communicator

avatar

Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Gaming abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz