Retromania: Eine kurze Geschichte der Schachcomputer und ihre mögliche Rückkehr

Retromania: Eine kurze Geschichte der Schachcomputer und ihre mögliche Rückkehr

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Es war einmal: der Schachcomputer. In den 80er Jahren waren sie ziemlich beliebt und forderten Programmierer heraus, starke virtuelle Gegner zu entwickeln. Hersteller wie Hegener & Glaser (Mephisto) und Fidelity kämpften um die Computerschach-Krone im Heimbereich. Das ist alles Vergangenheit und die Ära der Schachcomputer scheint vorbei zu sein. Aber ist sie das wirklich? Vielleicht steht eine kleine Renaissance bevor.

Automaten, die Schach spielen können: der Gedanke ist wahrlich nicht neu. Bereits 1769 stellte der aus Bratislava stammende Wolfgang von Kempelen seine Schachmaschine vor, ein mechanisches Wunderwerk: eine in türkischen Gewändern gekleidete Puppe saß an der Maschine und führte die Züge aus.

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Der erste „Schachcomputer“ war ein mechanisches Meisterwerk. Und ein Zaubertrick.

Der äußerst spielstarke Schachtürke war ein riesiger Erfolg, verriet dann in Vergessenheit und wurde nach dem Tode von Kempelen an Johann Nepomuk Mälzel verkauft, der mit dem Schachtürken auf Tournee ging. Sie führte Mann und Maschine bis in die USA. Das Geheimnis des Schachtürken wurde erst 1838 aufgedeckt: Ein Mensch saß in der Maschine, der die Berechnungen durchführte und die Mechanik bediente. Wer sich den Schachtürken selbst ansehen will, wird in Paderborn fündig: Einer von zwei Nachbauten befindet sich im Nixdorf-Museum.


Alles nur getürkt: Der Schachtürke.

Das erste Schachprogramm schrieb Konrad Zuse, der 1941 mit dem Zuse Z3 auch den ersten funktionierenden Computer vorgestellt hatte. Das 1945 fertig gestellte Programm in der von Zuse entwickelten Programmiersprache blieb aber vorerst Theorie. Ab Mitte der 50er Jahre waren Rechner leistungsfähig genug, um tatsächlich Schach spielen zu können. Es dauerte bis zum Jahr 1976, bis das erste kommerzielle Schachprogramm erschien. Das von Peter Jennings geschriebene Microchess lief auf dem Platinen-Computer KIM-1 von Commodore, dem Vorgänger von PET 2001, VC20 und C64.

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Wie von Geisterhand: Der Phantom bewegt seine Figuren via Magneten über das Brett.

Bereits ein Jahr später, 1977, kam der erste Schachcomputer in die Geschäfte. Der Chess Challenger 1 von Fidelity besaß noch einige Einschränkungen und erkannte beispielsweise keine irregulären Züge. Weitere ausgereiftere Modelle folgten in den nächsten Jahren und etliche Hersteller stiegen mehr oder weniger erfolgreich in den Markt ein. Aufsehen erregte beispielsweise Boris, der die Züge des menschlichen Gegners teilweise sarkastisch auf seiner LED-Anzeige kommentierte. Zum Repertoire gehörten Sätze wie „Sind hier Damen anwesend?“ und „Das passt in meinen Plan“. Eine Spielerei, denn die Anmerkungen wurden zufällig ausgewählt und entsprachen damit nicht unbedingt der Spielsituation. Später gab es Schachcomputer mit echter Sprachausgabe, beispielsweise ebenfalls von Fidelity. Die brachten 1984 auch ein Gerät mit Drucksensorbrett auf den Markt, sodass das lästige Eintippen der Züge entfiel.


Vladimir Kramnik gegen Roboter-Arm.

Überhaupt war die Bedienung zu Beginn der Ära ein großes Manko und das Bestreben im High-End-Bereich groß, das Spiel natürlicher werden zu lassen. Manches davon war gemessen am Aufwand beschränkt praktikabel, wozu die Möglichkeit gehörte, den Computer die Züge ausführen zu lassen. Experimentiert wurde mit Roboterarmen und Magneten unter dem Brett, welche die Figuren über das Spielfeld bewegen. Durchgesetzt hatten sich hingegen Magneten im Standfuß der Figuren. Durch das Sensorbrett erkennt der Rechner Position und Züge des menschlichen Spielers. Die Züge des Computers zeigen hingegen beispielsweise kleine im Brett eingelassene LEDs. Billigere Geräte verzichten auf solche Hilfsmittel und man muss Züge vom Display ablesen und die Figuren ziehen.


Sammlerstück: Phantom 6100 von Fidelity zieht selbst

Ende der 80er konnte sich Hegener & Glaser mit seinen Mephisto-Schachcomputern dank leistungsfähiger Hardware und starkem Schachprogramm von anderen Hersteller absetzen. Aber langsam näherte sich das goldene Zeitalter der Schachcomputer seinem Ende entgegen. 1989 übernahm Hegener & Glaser den Hauptkonkurrenten Fidelity, doch der PC sollte sich als übermächtige Konkurrenz herausstellen. 1994 kauft Saitek den hoch verschuldeten Hersteller.


Lego Mindstorms am Zug.

Seitdem sind fast nur noch spielschwache und billige Einstiegsmodelle auf dem Markt. Mit Smartphone und vor allem Tablets traten zudem weitere valide Alternativen zum Schachcomputer auf den Plan, die durch ihre Touch-Bedienung, Rechenpower und einfache Handhabbarkeit die aufwendigen Schachcomputer der alten Garde überflüssig machen sollten. Aber tun sie das wirklich?

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Dank Raspberry Pie verwandelt sich das DGT-Schachbrett in einen Schachcomputer.

Wer sich auf dem Markt umsieht, stößt schnell auf den Revelation 2 von DGT Projects, der komplett mit den Emulationen alter Schachcomputer mit rund 3500 Euro zu Buche schlägt und damit eine kleine Nische bedient. Der Preis relativiert sich für beinharte Sammler, die für einen der raren emulierten Originale schon mehr auf den Tisch blättern müssten. Wer nicht so viel Geld übrig hat, könnte alternativ auf ein 500 bis 600 Euro teures Bluetooth- oder USB-Schachbrett von DGT Projects zurückgreifen. Es lässt sich mit der passenden Schachuhr des Herstellers und einem Mini-Rechner auf Raspberry-Pi-Basis in einen Schachcomputer verwandeln. Eine weitere Nischenlösung sind die ansehnlichen Computer von Pewatronic aus der Schweiz, die 880 Schweizer Franken und mehr kosten.


PicoChess zusammen mit DGT-Board

Aber es geht inzwischen noch günstiger, ohne auf Gebrauchtgeräte zurückgreifen zu müssen, wenn man auf Holz und Funktionsumfang verzichtet. In der Schachgemeinde wird der ChessGenius von Millenium mit großem Optimismus aufgenommen: Knapp 100 Euro kostet der Retro-Schachcomputer aus schnödem Kunststoff, den der Hersteller mit einer Spielstärke von 2000 ELO-Punkten bewirbt. Zum Einsatz kommt eine Schach-Engine von Richard Lang, dessen Programme für die Mephisto-Schachcomputer Kultstatus besitzen.

Viel Plastik, aber recht hohe Spielstärke und ein recht geringer Einstiegspreis: Der ChessGenius von Millenium füllt eine Lücke.

Viel Plastik, aber recht hohe Spielstärke und ein recht geringer Einstiegspreis: Der ChessGenius von Millenium füllt eine Lücke.

Vielleicht gibt es doch noch genug Begeisterte, die ein physisches Spielfeld und eine spielstarke, individuelle Engine mit eigener Charakteristik zu schätzen wissen. Für alle anderen gibt es eine App von Richard Lang für Android, iOS und Windows Phone. Zumindest ist wieder Bewegung ins Spiel der Schachcomputer gekommen.

Mit Material von Wikipedia, Bilder: YouTube, Hersteller

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Veröffentlicht von

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c’t, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.

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