Retromania: Eliza und das Ende der Menschheit

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Chatbots gelten als das nächste große Ding. Googles Leiter der technischen Entwicklung Ray Kurzweil sieht das schnelle Nahen der Singularität: Der Punkt, an dem künstliche Gehirne intelligenter sein werden als Menschen. Man kann trefflich darüber streiten, ob dies nicht schon der Fall ist. Eines steht aber fest: Die erste Artifical Intelligence (AI), die mit Menschen über Probleme plauderte, war Eliza. Das vor 50 Jahren von Joseph Weizenbaum entwickelte Programm sollte gleichzeitig Psychotherapien auf die Schippe nehmen, wie auch vor Technikgläubigkeit warnen.

Der 2008 im Alter von 85 Jahren verstorbene Professor Joseph Weizenbaum hinterließ eine riesige Lücke: Der „Ketzer der Informatik“ warnte vor den möglichen Gefahren der Computertechnik. Erst langsam entwickeln sich neue Stimmen, die „künstliche Intelligenz“ nicht nur als Chance, sondern auch als Gefahr sehen: Durch immer ausgefeiltere AI-Programme könnte der Mensch ein Auslaufmodell sein und Maschinen die Welt übernehmen. Was ein wenig nach Terminator klingt, veranlasste den Tesla-CEO Elon Musk, zusammen mit Sam Altman in OpenAI zu investieren. Im Unterschied zu Entwicklungen bei Facebook und Google wollen Musk und andere die künstliche Intelligenz nicht nur weiterentwickeln, sondern offen zur Verfügung stellen – und damit ein Stückchen Beherrschbarkeit sicherstellen.

Aber zurück in der Zeit. Vor 50 Jahren, 1966, erblickte Eliza das Licht der Welt. Das einfache Computerprogramm gilt als der erste Chatbot und konnte verschiedene „Charaktere“ annehmen. Der bekannteste ist jener, in dem Eliza eine Psychotherapie nachstellt. Dazu schnappt sich Eliza aus einem eingetippten Satz ein Schlüsselwort heraus und verwendet es, um daraus eine Frage zu entwickeln. Oder verwendet eine allgemeine Phrase, die das Gegenüber zum Reden animieren soll. Weizenbaum persiflierte damit auch die Gesprächstherapie und zeigte, wie formelhaft sie teilweise war. Erschreckend für ihn war allerdings, wie viele Menschen bereit waren, mit Eliza ernsthaft ihre Probleme zu besprechen und behaupteten, die Maschine würde sie verstehen. Übrigens sollen Therapeuten in Amerika tatsächlich vorgeschlagen haben, das Programm „professionell“ einzusetzen.

Ein Beispiel für eine Konversation mit Eliza gibt Professor Weizenbaum selbst:
„Männer sind alle gleich.“
Eliza: „Auf welche Weise?“
„Sie nerven uns immer mit der einen oder anderen Sache.“
Eliza: „Kannst du ein bestimmtes Beispiel nennen?“
„Nun, mein Freund hat mich hierher geschickt.“
Eliza: „Dein Freund hat dich hergeschickt?“
„Er sagt, dass ich fast immer deprimiert bin.“
Eliza: „Es tut mir leid, dass du deprimiert bist.“
„Es ist wahr. Ich bin unglücklich.“

Wer Eliza in englischer Sprache testen will, wird auf Smartphones und im Netz fündig, beispielsweise auf www.masswerk.at.

In diesem Sinne: Happy Birthday, Eliza!

Weitere Retromania-Artikel beispielsweise über den Atari ST, Next und Pet 2001 findest du hier.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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