Retromania: NeXT – Steve Jobs erfolgreichster Flop

image(27)Was Steve Jobs 1988 vorstellte, sollte nach dem Willen seines Schöpfers die Zukunft des Computers sein. Der NeXT sah anders und einfach besser aus als fast alles, was es sonst auf dem Markt gab. Der eigentliche Star war aber das Betriebssystem, das auf UNIX basierte: NeXTSTEP schuf die Grundlage für Mac OS X und sicherte Steve Jobs Rückkehr zu Apple.

NeXTstationVor 30 Jahren, 1985, verließ Steve Jobs das von ihm gegründete Unternehmen Apple und schoss 5 Millionen US-Dollar in ein neues Projekt: NeXT. Es dauerte noch rund drei Jahre bis zur ersten Vorstellung im Jahr 1988 und ein weiteres Jahr, bis der erste Rechner ausgeliefert wurde: Der NeXTcube sah in seinem schwarzen würfelförmigen Magnesium-Gehäuse nicht nur futuristisch aus, sondern setzte auch anderweitig Maßstäbe. Die leistungsfähige Workstation setzte wie die damaligen Macs auf Prozessoren von Motorola. Neben dem Design und Hardware-Spezialitäten wie DSP-Chip, mathematischen Co-Prozessor und Magneto-Optische Laufwerke überzeugte vor allem das Betriebssystem NeXTSTEP, das auf dem Kernel Mach und der Unix-Variante BSD beruhte. Manchem dürfte diese Kombination bekannt vorkommen, denn ein anderes Betriebssystem baut auf den gleichen Komponenten auf: Mac OS X.

Steve Jobs stellt die zweite Generation von NeXT vor

NeXTSTEP bot damit etwas, was das klassische Mac OS nicht konnte: beispielsweise Multithreading und Speicherschutz, aber vor allem das von vielen Anwendern unter Mac OS vermisste präemptive Multitasking. Für Grafiker interessant war zudem die Ausgabe über Display-Postscript, womit man echtes WYSIWYG erhielt. Eine Vorzeigeanwendung waren dann auch die für NeXTSTEP entwickelte Software Virtuoso, aus der sich Macromedia Freehand für Mac OS und Windows entwickeln sollte, und eine Illustrator-Version von Adobe. Allerdings reichte dies nicht, um mehr Grafiker von NeXT zu überzeugen: Die Hardware des Cubes war einfach zu teuer und es gab zumindest anfangs keine Möglichkeit, Farben auf dem Monitor anzuzeigen. Das Problem mit dem Preis löste 1990 die erschwinglichere NeXTstation, das mit der Farbe ansatzweise die NeXTstation Color. Letztere war dann aber auch nicht gerade günstig und zeigte maximal 4096 Farben an.

Grafikkarten konnte man bei den abgespeckten Versionen im Pizzabox-Format nicht nachrüsten. Wohl aber für den Cube, für den der Hersteller nach langer Verzögerung 1990 die True-Color-fähige Grafikkarte NeXTdimension mit feinen Videofähigkeiten herausbrachte, zum Preis von knapp 4000 US-Dollar. Neben diesen Hardware-Hürden war anfangs kaum professionelle Software für DTP verfügbar. Das modulare 1Vision-Paket sollte das richten. Die Weiterentwicklung von Cranach auf dem Atari war, wenn man so will, eine frühe Vision der Adobe Creative Suite, litt aber unter zahlreichen Bugs.

First_Web_Server
Besser sah es im noch jungen Webbereich aus. Tatsächlich entstand die erste Webseite auf dem NeXTcube vom WWW-Erfinder Tim Berners-Lee und der Cube erhält die Auszeichnung, der erste Webserver zu sein. Weitere bekannte Entwicklungen unter NeXTSTEP waren die Animationen zum Anime Ghost in The Shell, bei dem sich die Wachowskis im ersten Matrix-Teil hemmungslos bedienten. Noch bekannter dürften die Spiele Wolfenstein 3D, Doom und Quake sein, die unter NeXTSTEP in der Programmiersprache Objective-C geschrieben wurden.

Nextcube_rueckseiteDen Hardware-Verkäufen half das alles nicht viel: nach rund 50.000 Verkäufen zog Steve Jobs 1993 die Notbremse und stellte den Verkauf von Cube und Stations ein. Das Betriebssystem NeXTSTEP wurde weiterentwickelt und erschien ab 1991 für Intel-Rechner und einige Workstations. Für Intel-Rechner wurde es aber nicht billig, denn Anwender mussten ihre Hardware-Komponenten aus einem überschaubaren Angebot wählen.

NeXTSTEP_NethackZu dieser Zeit war Apple händeringend auf der Suche nach einem Nachfolger für das inzwischen sichtbar angestaubte Mac OS. Eigene Bemühungen kamen nicht recht voran und der damalige Apple CEO Gil Amelio liebäugelte mit BeOS als mögliche Grundlage für einen Nachfolger. Wie die Legende will, konnte Steve Jobs Amelio davon überzeugen, auf BeOS zu verzichten und auf NeXTSTEP zu setzen. Der Rest ist Geschichte: Apple kaufte für 400 Millionen US-Dollar nicht nur das Betriebssystem von Steve Jobs, sondern holte ihn wieder mit an Bord. Nach einem Posten im Vorstand übernahm Jobs 1997 die Geschäfte und dünnte die Produktpalette ordentlich aus. Bis NeXTSTEP wieder auferstand, sollte es eine Weile dauern. Im September 2000 veröffentlichte Apple die erste Public-Beta-Version von Mac OS X. Auch iOS, watchOS und tvOS basieren auf diesem Betriebssystem.

NeXTcube_aMit Informationen von Wikipedia
Software-Verzeichnis auf kevra.org
Bilder von alux.com (Teaser), allaboutapple.com (NeXTcube), Alesander Schaelss (NeXTstation), Gürkan Sengün (NeXTSTEP), alle Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5.
Bild „NeXT von Tim Berners-Lee“: Coolcaesar, einige Rechte vorbehalten.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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