Retromania: Power Glove, der Cyberhandschuh für Nintendo

Nintendo_Power_Glove_Teaser
Wir schreiben das Jahr 1989, terrestrische Zeit. Die erste Welle der „Virtuellen Realität“ schwappt durch die Medien und das deutsche Fernsehen strahlt erstmals Max Headroom aus. Auch Hardware will die Wohnzimmer erobern: Für das Nintendo Entertainment System (NES) erscheint der Power Glove für unter 100 US-Dollar. Es ist der erste Cyberhandschuh für den Massenmarkt.


Es gibt da diesen Tipp, wie man Träume kontrollieren kann: Wenn man sich bewusst wird, dass man träumt, soll man die eigenen Hände betrachten. Der Tipp stimmt und gibt vielleicht einen Hinweis darauf, wie wichtig Hände nicht nur im wirklichen, sondern auch im virtuellen Leben sind. Die Idee, elektronische Träume direkt mit den Händen steuern zu können, anstatt indirekt über Joystick und Knöpfe, führte zu einer Menge Ideen und Umsetzungen. Beispielsweise bei der Nintendo Wii.

Schon im Jahr 1989 erschien das futuristische Device „Power Glove“ für das Nintendo Entertainment System. Der Krafthandschuh sah nach billiger Science-Fiction in dieser Zeit aus. Produziert wurde der Power Glove von Mattel in Amerika und PAX in Japan. An der Entwicklung des Cyber-Handschuhs von Grant Goddard und Samuel Cooper Davis war auch Jaron Lanier beteiligt, der bereits am kommerziellen System des DataGlove arbeitete.

Um den Power Glove zu verwenden, muss der Anwender zuerst drei Ultraschall-Sensoren am Fernseher befestigen. Kennt man ja. Alsdann schlüpft die Hand in den Datenhandschuh. Der Power Glove erkennt vier Fingerpositionen von vier Fingern sowie über die Ultraschall-Sensoren zwei Achsen bei Handbewegungen. Zusätzlich besitzt der Power Glove die Bedienelemente eines normalen NES-Controllers sowie Zahlen-Buttons, über die man Codes eingeben kann. Die benötigte man, um dem Power Glove die Steuerung von Spielen beizubringen. Und die waren das Hauptproblem des Handschuhs.

Lediglich zwei echte Power-Glove-Spiele erschienen, der Puzzler Super Glove Ball und das beat ‚em up Bad Street Brawler. Beide verkauften sich noch schlechter als der Datenhandschuh, von dem insgesamt 100.000 Exemplare verkauft wurden. Bereits nach einem Jahr, 1990, endete die Produktion und weitere Spiele erschienen nicht. Macht nichts, könnte man sagen, durch die Codes kann man ja etliche andere Spiele mit dem Datenhandschuh zocken. Allein, das System funktionierte mehr schlecht als recht. Einige YouTube-Videos zeigen unterhaltsam, wie sich Spieler mit der unpräzisen und der nicht-intuitiven Steuerung herumschlagen. Eindeutiges Verdikt: Vielversprechende Technik, aber zu schlecht umgesetzt. Der Power Glove kam schlicht zu früh auf den Markt und ging zu viele Kompromisse ein, die den günstigen Preis erst ermöglichten.

Trotzdem wurde der Power Glove Kult und erzielt heute als Second-Hand-Produkt hohe Preise. Vor allem durch DIY-Projekte aus der Maker-Szene erhält der Handschuh eine Frischzellenkur, beispielsweise für 3D-Animationen oder ganz aktuell zur Drohnensteuerung.

Auch abseits davon gibt es Begegnungen mit dem Handschuh der dritten Art: In der 80er-Jahre-Verbeugung Kung Fury spielt der Power Glove beispielsweise eine Rolle. Ein Running Gag und unvergessen ist allerdings der Ausspruch aus dem Film “The Wizard” (Joy Stick Heroes) von Nintendo geworden: „I love the Power Glove. It´s so bad.“

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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