Retromania: Test des Apple eMate 300

Apple eMate 300 Gesamt

Was passiert, wenn man einen PDA mit einem Notebook kreuzt? Heraus kommt beispielsweise der eMate 300, den Apple 1997 für den Bildungsbereich in Amerika auf den Markt brachte. Das gute Stück mit Stifteingabe erinnert etwas an die insektoiden Schreibmaschinen aus dem Film „Naked Lunch“, ist aber wesentlich harmloser. Steve Jobs begrub die Newton-Serie, wir haben den eMate 300 wieder ausgebuddelt und abgestaubt.
Als Steve Jobs vorübergehend Apple verlassen hatte, brachte der neue CEO 1993 das MessagePad mit dem Betriebssystem Newton auf dem Markt. Es erschienen mehrere Generationen des PDAs in Übergröße, der gegen Palm & Co. positioniert war. 1998 war mit der Rückkehr Steve Jobs dann Schluss mit Newton und eMate. Allerdings lebten „Gene“ der Newton-Serie weiter: Das transparente Kunststoffgehäuse sowie der Tragegriff können als Designvorlage zum iBook gelten. Und einige „intelligente“ Funktionen des Newton-Betriebssystems standen sicherlich Pate für das spätere iOS.

Apple eMate 300 Vorne GeschlossenDie Frucht der Kreuzung aus Newton-PDA und Notebook war das eMate 300. 800 US Dollar kostete das Gerät bei seinem Erscheinen am 7. März 1997, bereits im Februar 1998 stellte Apple die Produktion ein. Das Design wirkt durch die organische Formgebung und dem halbtransparenten dunkelgrünen Kunststoff auch heute noch recht exotisch. Dabei achtete Apple auf eine besonders robuste Bauweise, schließlich sollte das Gerät den harten Alltag im Klassenzimmer möglichst ohne Blessuren überstehen. Tatsächlich fühlt sich das eMate 300 ziemlich unzerstörbar an. Durch den Tragegriff konnte man den Plastikbomber gut transportieren. Ungewöhnlich war die Idee, dem eMate 300 ein Stativgewinde mitzugeben. Vielleicht, damit der Lehrer es vor sich haben kann, wenn er vor der Klasse steht. Apple wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

Apple eMate 300 unten

Gut in der Mitte zu erkennen: das Stativgewinde.

Apple eMate 300 oben

Apples eMate 300 lässt sich dank Henkel gut transportieren.

Die technischen Werte sind bescheiden. Der ARM-Risc-Prozessor taktet mit 25 Mhz was schon damals nicht viel war. 3 MB Arbeitsspeicher werden durch 2 MB Flash-Speicher für Programme und Daten ergänzt. Das Display zeigt auf 6,8 Zoll eine Auflösung von 480 x 320 Pixeln mit 16 Graustufen an. Die zuschaltbare Hintergrundbeleuchtung entlockt dem Test-Gerät ein deutlich vernehmbares und nerviges Surren. Ob das bei allen eMates so war, kann ich nicht sagen.

Apple eMate 300 linke Seite Detail

Auf der linken Seite befindet sich die Apple-Talk-Schnittstelle.

Apple eMate 300 linke Seite

Was wie eine HDMI-Schnittstelle erinnert, ist ein Dock-Anschluss, um mehrere eMate-Geräte miteinander zu verbinden.

Apple eMate 300 rechte Seite

Auf der rechten Seite befindet sich ein Einschub für PCMCIA-Cards sowie die Kopfhörerbuchse.

An Schnittstellen stehen eine AppleTalk- und damit serielle Schnittstelle bereit, eine Newton-Buchse zur Verbindung mit anderen Newtons und ein Infrarot-Port, eine Audio-Buchse und ein Slot für PCMCIA-Karten. In einem anderen Punkt zeigt der eMate 300 aber auch heutigen Notebooks die Rücklichter: Die Akklaufzeit beträgt bis zu sagenhafte 28 Stunden. Zumindest wenn man die Hintergrundbeleuchtung des Bildschirms abschaltet. Mein Testgerät hielt noch bis zu vier Stunden durch. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass der Akku 17 Jahre alt ist und wenn man die Akkutechnologie aus dieser Zeit bedenkt.

Apple eMate 300 Tastatur

Apples eMate 300 zeichnet sich durch eine hervorragende Tastatur aus.

Die Tastatur ist etwas kleiner als eine Standardtastatur, kann aber auch heute noch überzeugen: Es sind eben noch „richtige“ Tasten mit einem langen Hub und einem gut definierten Anschlag. Etwas störend finde ich lediglich den etwas geringen Abstand zwischen den Tasten. Längere Texte lassen sich hervorragend tippen. Eine Zeile mit Funktionstasten ergänzt die Tastatur, über die man beispielsweise den Assistenten aufruft. Zwei Schiebeschalter sind für Kontrast und Lautstäre zuständig.

Apple eMate 300 StiftEine Besonderheit ist die Möglichkeit der Stiftbedienung, wodurch man Notizen und Zeichnungen direkt auf dem Bildschirm anfertigen konnte. Der Stift liegt in einer Mulde über der Tastatur und liegt gut in der Hand. Wenn man ihn nicht braucht, lässt er sich links oder rechts in einer Halterung einstecken und ist so immer griffbereit.

Legendär war die Handschrifterkennung des Newton, die manchmal seltsame Ergebnisse zeigte. Zuverlässiger ging das über die App Graffiti, die eine Art Steno-System für handschriftliche Notizen zur Verfügung stellte. Das ging schneller, man musste die Zeichen aber lernen. Beim eMate kommt die unglaubliche Trägheit hinzu: Bis das System ein Wort erkannt hat, vergehen einige Sekunden.

Bei Zeichnungen lässt sich ein Modus wählen, der die Linien begradigt und mit dem perfekte Kreise und Quadrate gelingen. Die vektorielle Aufbereitung erleichtert zudem die Nachbearbeitung.

Apple eMate 300 Vorne Gesamt

Eine Liste der vorinstallierten Anwendungen auf Apples eMate 300.

Software und Funktionen versammelt der eMate in einem Dock, Extras genannt, das gut mit Icons gefüllt ist. Darin befinden sich beispielsweise das Notizprogramm, Umrechnungen von Maßeinheiten und ein Taschenrechner. Einstellen lässt sich generell im Newton-OS nicht viel, dafür ist es intuitiv und sehr einfach bedienbar. Die Assist-Funktion ermöglicht es, verschiedene „intelligente“ Funktionen durchzuführen. So kann man mit dem Stift beispielsweise eine Zahlenfolge vom System erkennen lassen und dann verschiedene womöglich passende Aktionen auswählen.

Der Apple eMate 300 war seinerzeit ein schönes Stück Technik in einer ungewöhnlichen Verpackung. Besonders praktisch war er zwar nie, hatte aber trotzdem einiges zu bieten. Vor allem war er ein erster Vorstoß von Apple, ein mobiles Betriebssystem zu etablieren, das besonders genügsam mit Ressourcen umgeht. Das ist allerdings nur teilweise gelungen: Die Akkulaufzeit von 28 Stunden spricht dafür, die teilweise viel zu langen Gedenkpausen und verzögerten Reaktionen sprechen dagegen.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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3 Antworten auf Retromania: Test des Apple eMate 300

  1. avatar Christian sagt:

    28 Stunden Akkulaufzeit,so muss das sein! Dazu noch der „Touchscreen“ und der Tragegriff, der es nicht über ist. Gibt es solche Notebooks noch zu kaufen oder stehen die alle schon im Museum sind sind nur bei Christie’s zu erwerben?

  2. avatar Hannes sagt:

    Hi Christian,

    also prinzipiell kannst du die noch kaufen, eBay ist voll davon :). Aber fast nur in den USA, der Versand dürfte also recht teuer werden…

  3. avatar Marcel Magis sagt:

    Moin Christian, ergänzend zu Hannes: Ein wertvolles Sammlerstück ist der eMate 300 nie geworden. Allerdings dürfte es schwer wenn nicht gar unmöglich sein, ein Gerät zu finden, das noch eine vernünftige Akkulaufzeit aufweist. Von 28 Stunden ganz zu schweigen …

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