Spieletest Child of Light: Erzähl mir (keine) Märchen.

Child of Light_Trollbrei

Es gibt Spiele, die fallen durch grandiose High-End-Grafik auf, durch perfektes Gameplay, oder eine packend inszenierte Geschichte. Und es gibt solche, die besonders mit ihrer dichten Atmosphäre verzaubern. Dazu gehört das Märchen-Rollenspiel Child of Light, das sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Eine entzückende Prinzessin mit feuerrotem Haar, wunderschönes Hintergrunddesign und die verträumte Musik lassen mich beinahe vergessen, dass ich vor einem Computerspiel sitze.

Gefangen in einem Traum aus Aquarell

Rollenspiele haben meist die Zielgruppe junger Männer im Blick und setzen entsprechend auf testosterontriefende Settings, denen es an Gewaltdarstellung und düsteren Elementen nicht mangelt. Spiele-Reihen wie Dragon Age, The Witcher, Diablo und Dark Souls machen es erfolgreich vor. Da hebt sich das familienfreundliche und kindgerechte Child of Light schon aufgrund des Umfeldes ab. Mit den ersten melancholischen Tönen und Bildern seines Intros entführt es zu den großen Märchenerzählern von den Grimms und Andersen bis zu Disney und Miyazaki: Prinzessin Aurora, die geliebte Tochter eines Herzogs, geht eines Abends zu Bett und erhebt sich am nächsten Morgen nicht mehr. Ihre Haut ist kalt wie Eis, ihr Vater weint um sie. Während sie für tot gehalten wird, erwacht Aurora alleine im Traumland Lemuria, einem vergangenen Königreich, in dem nun Kreaturen der Dunkelheit lauern. Aurora begibt sich auf eine Odyssee, um zurück nach Hause und zu ihrem Vater zu gelangen. Bald findet sie heraus, dass von ihrer Reise weit mehr abhängt als das eigene Schicksal.

Poesie in Full HD

Child of Light präsentiert sich als digital gewordenes Bilderbuch, bei dem nicht nur Kinder große Augen machen. Ich führe Aurora durch handgezeichnete Aquarell-Hintergründe, die eine Märchenwelt mit verwunschenen Wäldern, verfallenen Klöster und verschlafenen Dörfern zeigen. Auroras leuchtend rotes Haar bewegt sich fließend wie unter Wasser. Das ist alles so hübsch und liebevoll gestaltet, dass ich manchmal einfach nur Animationen und Panorama bewundere und gar nicht mehr an den Spielfortschritt denke. Die Poesie des Spiels macht auch vor den Texten nicht Halt. Die Designer waren ambitioniert genug, sämtliche Dialoge Auroras mehr oder minder streng in ein Reimschema zu pressen. Allerdings lässt die Devise „Reim dich, oder ich fress dich“ Gespräche vor allem in deutscher Übersetzung hin und wieder gezwungen wirken. So etwa, wenn Aurora zum Spielstart Igniculus kennenlernt, ein Glühwürmchen, das zu ihrem Sidekick wird:

»Wer spricht?« – »Ich. Fort mit dem Tau von der Wange.
Das steht Euch nicht, entstellt Euch sehr.«
»Ein Glühwürmchen? Jetzt wird mir bange,
Mein Mahl war heute wohl zu schwer.«

Child of Light_Reime

Macht sich darauf einen Reim: Aurora beim Plausch mit Igniculus.

Messer, Gabel, Schere, Licht: Das Gameplay

Die Spielmechanismen von Child of Light sind leicht zugänglich und nicht sehr komplex. Mit den WASD-Tasten lasse ich die Prinzessin durch 2D-Landschaften laufen, hüpfen und – nach dem Erwerb von Feenflügeln – fliegen. Brave Schulkinder machen sich nicht ohne Reflektoren auf den Weg, Aurora wird ständig vom Glühwürmchen Igniculus begleitet. Zusammen erkunden sie dunkle Areale, sammeln Tränke aus Truhen und bestreiten Kämpfe gegen Monster des Märchenlandes. Igniculus, der im Spiel als Mauszeiger fungiert, kann dabei die Umgebung erhellen, Feinde blenden und umherschwirrende Leuchtkugeln aufsammeln, die Erfahrungspunkte einbringen. Hürden im Spielfortschritt sind entweder Monsterbegegnungen oder Rätsel, die meist schnell gelöst sind. Oft geht es darum, mit Igniculus als Lichtquelle einen Schattenwurf korrekt zu platzieren, damit sich magische Portale öffnen.

Schön ist, dass man interessierte Zuschauer oder neidische Geschwister jederzeit in das Spiel einbinden kann, indem man die Maus rüberreicht: Der zweite Spieler steuert Igniculus und unterstützt Aurora als schwebende Taschenlampe, Verbandskasten und Blendgranate. Das ist nicht sonderlich anspruchsvoll und die Einordnung als „Koop-Multiplayer“ etwas dick aufgetragen, aber als unkomplizierte Möglichkeit, Lemurias Traumlande zu zweit zu erleben, funktioniert es wunderbar.

Karriereprofil: Personen, die ein Schwert aus einem Stein ziehen, haben noch etwas vor im Leben.

Karriereprofil: Personen, die ein Schwert aus einem Stein ziehen, haben noch etwas vor im Leben.

Rundenweise und taktisch: Monster verhauen

Die Kämpfe in Child of Light gehen unblutig, rundenweise und weitgehend ohne Echtzeit-Hektik über die Bühne. Sobald Aurora auf ein Monster trifft, schaltet die Ansicht auf einen Kampfbildschirm um. An einer Zeitleiste lässt sich ablesen, wann ein Kontrahent an der Reihe ist. Langsame Angriffsaktionen und gelungene Attacken des Gegners werfen einen auf der Zeitleiste zurück. Ist der Spieler an der Reihe, hat er die Wahl zwischen verschiedenen Angriffsarten, Verteidigung, Einnahme von Zauber- und Heiltränken oder Flucht. Die Kunst besteht darin, die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden: Ein wuchtiger, aber langsamer Angriff nützt wenig, wenn vor dessen Ausführung der Feind am Zug ist und mit seiner Attacke den geplanten Angriff wahrscheinlich unterbrechen wird. Hier ist eine Verteidigung, die zudem noch einen Geschwindigkeitsbonus für die nächste Runde gibt, die bessere Wahl.

Alles komplett rundenbasiert? Nicht ganz. Igniculus bringt ein kleines Echtzeitelement in den Ablauf. Das Glühwürmchen kann dazu benutzt werden, Feinde fortwährend durch Blendung zu verlangsamen oder Aurora zu heilen.

Wer die taktischen Kämpfe ohne größeres Nachdenken bewältigen möchte, spielt auf dem recht leichten Schwierigkeitsgrad „Normal“. Tüftler wählen am besten den höheren Schwierigkeitsgrad „Schwer“, um spannende Herausforderungen zu erleben.

Wer schlägt hier wen zu Brei? Der Kampfbildschirm wird es klären.

Wer schlägt hier wen zu Brei? Der Kampfbildschirm wird es klären.

Kind, was soll nur aus dir werden?

Die in Kämpfen gesammelten Erfahrungspunkte machen Aurora stufenweise stärker. Werteverbesserungen finden automatisch statt, eine Wahl hat man nur bei der Investition von Punkten in drei Fertigkeitensäulen, die beispielsweise zusätzliche Punkte im Ausweichen, mehr Lebenskraft oder ganz neue Angriffszauber bereit halten. Variantenreicher ist da schon das Ausrüstungs- und Crafting-System: Gefundene Edelsteine lassen sich der Waffe zuordnen, um einen Sekundärschaden – beispielsweise Wasser-, Feuer- und Blitzschaden – zu erzielen. Ordne ich sie der Rüstung zu, profitiere ich von Resistenzen gegen gewisse Angriffe. Drei Edelsteine lassen sich zu einem höherwertigen Edelstein verschmelzen, der den Effekt verstärkt.

Hat gut Lachen: Prinzessin beim Stufenanstieg.

Hat gut Lachen: Prinzessin beim Stufenanstieg.

Fazit zu Child of Light: Traumhaftes Rollenspiel für Kinder und solche, die es sein wollen

Traurige Klavierklänge, malerische Hintergründe, märchenhafte Motive. Optisch und akustisch ist Child of Light hervorragend. Ubisofts Rollenspiel ist wie eine Gutenachtgeschichte am Computer. Eine von der Sorte, bei der man unbedingt wissen möchte, wie sie ausgeht. Dank einfacher Steuerung, USK 6 und unkompliziertem Multiplayer-Modus ist Child of Light gut für ein bis zwei Kinder geeignet, aber weit davon entfernt, ein reines Kinderspiel zu sein. Als Erwachsener schätze ich die liebevoll gestaltete Welt, die taktischen Kämpfe sowie die Wendungen der Geschichte. Und nicht zuletzt die geweckte Erinnerung an Märchen der eigenen Kindheit, sei es „Das Letzte Einhorn“, „Pinocchio“ oder „Das Schloss im Himmel“. Sicherlich, das Gameplay ist für erfahrenere Computerspieler wenig abwechslungsreich und bietet kaum Langzeitmotivation, trotzdem sollte man den poetischen Ausflug nach Lemuria nicht verpassen.

Traumland Lemuria: Aurora will weg, wir finden’s gut. Und spielen noch ein bisschen weiter.

 

Child of Light

  • Genre: Märchen-Rollenspiel
  • Spielmodi: Single Player, 2 Spieler Multiplayer-Koop
  • Plattform: PC, PlayStation 3, PlayStation 4, Xbox 360, Xbox One, Wii U
  • Im Shop: Child of Light
  • Minimale Systemvoraussetzungen: Windows 7/8/8.1 (neueste Servicepacks), Intel Core 2 Duo E8200 2,6 GHz oder AMD Phenom II X2 240 2,8 GHz, 2 GB RAM, NVIDIA GeForce 8800 GT oder AMD Radeon HD2900
  • Empfohlene Systemvoraussetzungen: Windows 7/8/8.1 (neueste Servicepacks), Intel Core2Quad Q8400 2,6 GHz oder AMD Athlon II X4 620 2,6 GHz, 4 GB RAM, NVIDIA GeForce GTX 260 oder AMD Radeon HD4870
  • Weitere Voraussetzungen: DirectX Juni 2010 Redistributable, 3 GB verfügbarer Festplattenspeicher, Internetverbindung für Produktaktivierung, Uplay-Account (kostenlos)
avatar

Über Anton Weste

Ich bin Redakteur, Autor und Game Designer und habe an Fantasy-Rollenspielen wie "Das Schwarze Auge: Drakensang" mitgewirkt. Wenn ich nicht gerade tippe, philosophiere ich über Hollywood-Filme, zocke am PC oder ertüchtige mich beim Hockey, Fußball und Wandern.
Dieser Beitrag wurde unter Software abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz