[Spieletest] Kholat: Einsam schaudern im Ural

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Alle Termine streichen, Tür zu, Rollo runter und Kopfhörer auf: Exploration Adventures versetzen Spieler in virtuelle Umgebungen, die viele Entdeckungen bieten und im Idealfall durch eine dichte Atmosphäre und eine spannende Geschichte fesseln. Der Titel Kholat des polnischen Studios MGN.PRO fährt das Kontrastprogramm zum Strandbad- und Biergarten-Sommer. Das Horror-Adventure vermischt Realität und Fiktion und führt Gruselwillige tief in den dunklen und verschneiten Ural zum Berg Kholat Syakhl. Hier gibt der mysteriöse Tod von neun Wanderern im Jahr 1959 Rätsel auf. Das Schneegestöber ist dank Unreal-4-Engine ansehnlich, doch dem Spielspaß laufen wir ebenso hinterher wie der Wahrheit um die Ereignisse am Berg Kholat. Was man nicht tun sollte, wenn man alleine, nachts und im Winter durch den Ural streift, erfahrt ihr in unserem Test mit Video.

Das Verhängnis am Kholat-Berg

Als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte von Kholat dient die wahre und hierzulande wenig bekannte Begebenheit vom Unglück am Djatlow-Pass. Im Winter 1959 schlugen neun Skiwanderer im nördlichen Ural am Hang des Kholat Syakhl ihr Zelt auf und überlebten die folgende Nacht nicht. Eine ausgesandte Suchexpedition fand Wochen später das Zelt. Es war von innen aufgeschlitzt und anscheinend in größter Eile und Furcht während eines Schneesturms verlassen worden. Die Leichen entdeckte man mehrere hundert Meter vom Zelt entfernt, ohne Stiefel und nur mit Unterwäsche bekleidet. Einige wiesen schwere innere Verletzungen auf, zeigten aber keine äußerlichen Spuren von Gewalteinwirkung. Einer Toten fehlten Augen und Zunge.

Eine schlüssige Erklärung für das Unglück gab es nie, stattdessen schossen Spekulationen ins Kraut: Hat eine Lawine die Skiwanderer zur Flucht veranlasst? Wurden sie von einheimischen Jägern in Angst und Schrecken versetzt? Sind verwirrende atmosphärische Phänomene, sowjetische Geheimwaffentests oder Außerirdische an allem schuld?

Was man sich im Ural unter einer romantischen Allee vorstellt.

Was man sich im Ural unter einer romantischen Allee vorstellt.

Am Bahnhof beginnen, Bahnhof verstehen: Die Geschichte

Im Spiel verkörpern wir einen Wanderer, der Jahre später herausfinden will, was wirklich geschehen ist. Soweit zumindest die hilfreiche Selbstbeschreibung von Kholat. Aus dem Spiel heraus wissen wir erstmal gar nicht, was los ist. Nach einem Intro, das die Ereignisse am Djatlow-Pass nacherzählt, finden wir uns in First-Person-Perspektive am Bahnhof eines verlassenen und verschneiten Dorfes wieder. Statt Erklärungen gibt es in der frei begehbaren Spielwelt einsame Winterstimmung, ätherischen Gesang und einen unheimlichen Waldpfad, der uns buchstäblich in den nächtlichen Schneesturm des Kholat stolpern lässt. Szenenweise ertönt eine Stimme aus dem Off (schön gesprochen: Sean Bean, bekannt aus Herr der Ringe und Game of Thrones), von der nicht klar ist, wem sie gehört, warum wir sie hören und was sie uns eigentlich mitteilen möchte, denn ihre Aussagen sind doch recht rätselhaft. Dieser Stil zieht sich durch die ganze Präsentation der Geschichte von Kholat, die ganz darauf aus ist, zu transportieren, wie ausgeliefert und verloren man ist. Auf verschlungenen Wegen durch den Schneesturm erwarten uns schaurige Szenerien wie plötzlich schwebende Felsnadeln, ein geisterhafter Kirchenbrand, ein verlassener Militärkomplex und eine alte Ritualstätte. Funde von Tagebuchseiten, Berichten und Zeitungsartikeln geben uns eine Ahnung von den Ereignissen. Vieles ist und bleibt mysteriös. Das verfängt anfangs noch durch den Reiz des Unbekannten, ermüdet aber mehr und mehr, weil wir bei der Enträtselung kaum vorankommen. Auch bei fortschreitender Spieldauer verdichten sich die zahllosen offenen Fragen, rätselhaften Hinweise und übernatürlichen Ereignisse kaum zu einem schlüssigen Ganzen, sondern bekommen einfach nur Zulauf von ihresgleichen.

Dabei fing es so harmlos an: Start ins Grusel-Adventure

Dabei fing alles so harmlos an: Start ins Grusel-Adventure

Wintertraum in kalten Farben: Stimmung und Grafik

Ural mit uralter Grafik? Keineswegs: Kholat benutzt die Unreal-4-Engine und zeigt weiche Texturen, detailreiche Objekte und wunderschöne Partikeleffekte, die im Schneegestöber gut zur Geltung kommen. Der Kholat Syakhl ist ein glaubhaftes und beeindruckendes Gebirgspanorama, in dem man sich ebenso schnell verirren kann wie in echter Natur. Die bedrückende Stimmung wird durch Windrauschen, knarrende Bäume und Wolfsgeheul ebenso unterstützt wie durch den stimmigen, in vereinzelten Szenen eingesetzten Soundtrack. Gerade in der ersten Spielstunde laufen wir gerne durch die schöne Winternacht und bestaunen manchmal nur die Anblicke, die sich uns bieten.

Selten sahen Winternächte schöner aus: Unreal 4 Engine

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Neun Koordinaten sollst du ablaufen: Das Ziel des Spiels

In unserem Inventar finden wir einen Kompass und eine Karte der Gebirgslandschaft des Kholat. Hier sind neun Koordinaten vermerkt, die wir in beliebiger Reihenfolge abklappern müssen, denn an diesen Positionen liegen die Schlüsselinformationen zum Unglück. Das ist auch schon das ganze Ziel und das grundlegende Gameplay von Kholat. Klingt allerdings einfacher als es ist: Weder enthält die Karte eine automatische Markierung des eigenen Aufenthaltsorts, noch gibt es virtuelle Richtungsweiser zum Ziel. Stattdessen ist Konzentration angesagt, wie einstmals ohne Smartphone und GPS. Die Wegfindung funktioniert über die Orientierung mittels Kompass und Abgleich der Karte mit Umgebungsmerkmalen. Wenn man seine Position nicht regelmäßig überprüft, kann man schnell die Orientierung verlieren. Das hat seinen Reiz, aber wer nicht gerne Karten liest, erlebt mehr Frust als Spielspaß.

Mysteriöse Orte im Dutzend: Rundreise auf dem Kholat Syakhl

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Lauf, Wanderer, lauf: Gameplay

Viel mehr als Laufen und Schauen gibt es nicht zu tun. Die WASD-Bewegung ist nur ergänzt um ein Ducken und eine kurze Sprintmöglichkeit, die einen nach wenigen Sekunden atemlos zurücklässt. Springen ist nicht vorgesehen, Hindernisse für die eigene Fortbewegung sind mitunter gerade mal kniehohe Zäune oder Felsen. Das ist beschwerlich, weil wir dadurch oft erst beim Hinlaufen feststellen, ob ein bestimmter Bereich begehbar ist oder nicht. An interaktiven Objekte existieren fast nur die Notizen, die man einsammelt; ansonsten besteht die Spielwelt aus Schaufensterware. Zum Reden haben wir auf unserem Single-Trip niemanden. Auch kann man keine Kampfaktionen ausführen.

Dabei wünscht man sich die schnell: Zu den Hindernissen auf dem Weg zählen neben tödlichen Fallgruben und Schluchten auch Geisterwesen, die sich durch glühende Fußspuren ankündigen, auf den Wanderer stürzen und mit einem Schlag dessen Leben beenden. Das ist beim ersten und zweiten Mal noch aufreibend, nutzt sich aber ab. Die immer gleichen mörderischen Geister laufen die immer gleichen Wege ab und lassen sich mit dem richtigen Timing und schnellem Laufen meist umgehen.

Zurück zum Zelt: Speichern und Spielfortschritt

Kholat kennt nur einen Speicherstand. Ein selbst gewähltes Speichern zum beliebigen Zeitpunkt ist nicht möglich. Das Spiel setzt automatisch Speicherpunkte beim Erreichen eines der neun Zielkoordinaten, an denen Zelte stehen. Auch bei weiteren Orten, an denen Notizen liegen, wird gespeichert. Wenn man mal wieder unterwegs Geistern zum Opfer fällt, können schon 10 oder 20 Minuten Spielfortschritt flöten gehen.

Die Laufwege sind lang, auch für ein Erkundungsspiel. Über weite Strecken passiert bis auf ein Vorankämpfen durch den Schneesturm gar nichts. Fast unerwartet macht Kholat eine Konzession an Gaming-Gewohnheiten: Zwischen bereits freigeschalteten Koordinatenpunkten kann man sich ganz komfortabel hin- und herbeamen. Nach etwa 4 Stunden ist Kholat durchgespielt, gefühlt saß man eher die doppelte Zeit dran. Ein Wiederspielwert ist durch das statische Szenario praktisch nicht vorhanden.

Neun Lager sind Zielpunkte und Reiseportale

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Fazit zu Kholat: Stimmungsvoller Grusel mit Längen

Es hätte wirklich hübsch werden können: Mit moderner Grafik, ansprechendem Setting, hochwertigem Sounddesign und einem interessanten Mystery-Ereignis als Aufhänger besitzt Kholat gute Kernzutaten für ein gelungenes Horror-Adventure. Auch die Orientierung per Kompass und Karte ist eine erfrischende Spielmethode. Aber die geringen Interaktionsmöglichkeiten, langen Laufwege und die mangelnde Abwechslung bei den Gefahren lassen den Spielspaß bald Richtung frostiger Temperaturen sinken. Kholat ist kein schnelles Spektakel, sondern richtet sich an Geduldige, Atmosphäre-Genießer und Freunde des Trial and Error. Leider werden auch diese durch die verwirrend erzählte Geschichte und die kurze Spielzeit nur begrenzt belohnt.

 

Kholat

  • Genre: Exploration-Adventure, Horror-Adventure
  • Spielmodus: Single Player
  • Plattform: PC
  • Minimale Systemvoraussetzungen: Windows 7 32bit, Intel Core i3, 4 GB RAM, NVIDIA GeForce GTX 470, Direct X 10, 5 GB verfügbarer Festplattenspeicher
  • Empfohlene Systemvoraussetzungen: Windows 8.1 64bit, Intel Core i5, 8 GB RAM, NVIDIA GeForce GTX 660 Ti, DirectX 11, 10 GB verfügbarer Festplattenspeicher
  • Weitere Voraussetzungen: Internetverbindung für Produktaktivierung, Steam-Account (kostenlos)

 

Im Shop: Games für PC und Konsolen

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Über Anton Weste

Ich bin Redakteur, Autor und Game Designer und habe an Fantasy-Rollenspielen wie "Das Schwarze Auge: Drakensang" mitgewirkt. Wenn ich nicht gerade tippe, philosophiere ich über Hollywood-Filme, zocke am PC oder ertüchtige mich beim Hockey, Fußball und Wandern.
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2 Antworten auf [Spieletest] Kholat: Einsam schaudern im Ural

  1. avatar Alexander sagt:

    Sieht nicht schlecht aus aber ich denke ich finde noch einige Maken in diesem Spiel. Falls ihr mir natürlich die chance gebt . Ich hoffe es gibt eine Schwierigkeitsstuffe namens Göttlich vll wirds dann anspruchsvoller :D:D:

  2. avatar Naruto sagt:

    Toller Test
    Kannst du bitte für den Herbst schon mal Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm 4 auf deine Spieletest-Liste aufnehmen (falls ihr sowas habt)? Würde mich sehr interessieren.
    Danke

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