Test Apple iPhone SE: Des Kaisers alte Kleider

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Lange geisterte es durch die Gerüchteküche, nun ist es tatsächlich da: ein iPhone im Gewand des iPhone 5(s) mit aktueller Hardware zu einem für Apple-Verhältnisse niedrigen Preis. Wir haben Hand an das iPhone SE gelegt und es auf Her(t)z und Nieren getestet.

Apple hat gelernt: Konnte seinerzeit das iPhone 5c die Erwartungen nicht erfüllen, hat die Mannschaft um Tim Cook etliche Kritikpunkte ausgemerzt und startet mit dem iPhone SE einen neuen Versuch: Metall statt Kunststoff, aktueller Prozessor und frische Kamera sowie ein größerer preislicher Abstand zu den Top-Modellen. Den Rotstift hat Apple trotzdem angesetzt, einige Ausstattungsmerkmale bleiben iPhone 6 und 6s vorbehalten. Und der Slogan „aktuelle Hardware“ hat ein recht knappes Verfallsdatum, denn im Herbst sollten neue iPhone-Modelle auf den Markt kommen, die mit ihrer potenteren Hardware das iPhone SE nicht mehr ganz so aktuell erscheinen lassen.
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Retroschick

Das Design des iPhone SE hat bereits einige Jährchen auf dem Buckel und wurde 2012 mit dem iPhone 5 vorgestellt. Zu den drei Farbvarianten Space Grau, Silber und Gold gesellt sich 2016 die Variante Roségold hinzu. Apple verwendet für die Modellreihe eloxiertes Aluminium und Glas. Das Design mag zwar gemessen am für Smartphone-Verhältnisse biblischen Alter von vier Jahren alt sein, wirkt aber trotz des breiten Displayrahmens nach wie vor elegant. Die Verarbeitung ist ohne Fehl und Tadel und befindet sich auf höchstem Niveau. Ein Kritikpunkt bleibt: Der verchromte Apfel unseres raumgrauen Testmodells ist äußerst empfindlich gegen sichtbare Fingerabdrücke. Das ist er auch bei den anderen Modellen, dort fallen sie aber etwas weniger auf.
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Schau mal an

Das Display besitzt eine Diagonale von 4 Zoll und gehört damit in die Kompaktklasse. Es lässt sich sehr gut ohne Softwaretricks mit einer Hand bedienen, wobei sich der Daumen schon ziemlich strecken muss, um ohne Umgreifen in die Ecken zu kommen. Letztlich war die Größe schon ein Kompromiss gegenüber den 3,5 Zoll der ersten iPhone-Reihe. Nicht zu verachten ist die Hosentaschen-Freundlichkeit des iPhone SE. Hier enden allerdings die Vorteile und die Nachteile kommen ins Spiel: Der Bildschirm wirkt im Jahr 2016 winzig und das Tippen von Nachrichten erfordert mehr Fingerspitzengefühl, um die richtigen virtuellen Tasten zu treffen. Funktionieren tut es nach etwas Umgewöhnung trotzdem gut, wer eh von einem iPhone mit 4 Zoll oder kleiner kommt, wird keine Probleme bei der Bedienung haben.

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Das Display besitzt eine Auflösung von 1136 x 640 Pixeln und damit eine gute Pixeldichte von 326 ppi. Höhere Pixeldichten findet man zwar in manchen Top-Smartphones, über die Notwendigkeit kann man sich aber trefflich streiten. Die Darstellung ist beim iPhone SE knackscharf und bei einem Betrachtungsabstand von 20 und mehr Zentimetern sind keine einzelnen Pixel erkennbar. Herstellerangaben sind mit Vorsicht zu genießen, Apples Angaben zu Helligkeit und Kontrast treffen aber fast ins Schwarze: Mit 505 cd/m² erreicht der Bildschirm eine sehr hohe Helligkeit und ist damit auch bei strahlendem Sonnenschein gut ablesbar. Beim Kontrast bleibt das Display mit 777:1 nur knapp unter Apples Angabe. Angesichts der hohen Helligkeit ist das ein noch guter Wert. Die Blickwinkel sind hingegen hervorragend, lediglich der Helligkeitseindruck ändert sich bei spitzem Betrachtungswinkel, Weiß bleibt aber Weiß.

Verzichten muss man auf das vom iPhone 6s bekannte Feature 3D Touch. Wir waren von der Funktion sowieso nur mäßig angetan, da sie die Bedienung nicht in jedem Fall vereinfacht und das Gewicht des iPhones erhöht.
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Kraftwerk: Power, ungeschrumpft

Die Gerüchteküche war noch unentschlossen, welchen Prozessor Apple verbauen würde: Den des 6 oder den schnelleren des 6s. Es ist der schnellere A9-Chipsatz aus dem aktuellen 6er-iPhones geworden. Der Dual-Core-Prozessor bietet vor allem im wichtigen Singlecore-Benchmark eine beeindruckende Leistung. Die Tests zeigen sogar, dass das iPhone SE dem iPhone 6s trotz gleichem Takt von 1.8 GHz überlegen ist. Allerdings muss das iPhone SE auch weniger Pixel berechnen und der Geschwindigkeitsvorteil ist eher theoretischer Natur, denn man kann es kurz machen: Das iPhone SE rockt!

iPhone_SE_unten_seiteEin Engpass bei Apple-Geräten ist oft die Bestückung des Arbeitsspeichers. Das iPhone SE besitzt 2 GB, also doppelt so viel wie das iPhone 5s, was sich in der Praxis noch deutlicher bemerkbar macht als der schnellere Prozessor: Vor allem Webseiten können so im Speicher bleiben und müssen nicht bei jedem App- oder Tab-Wechsel neu geladen werden. Das ist vor allem ohne WLAN-Verbindung praktisch, da eventuell weniger schnelles mobiles Datenvolumen verbraten wird.

Das iPhone SE erhält auch den Coprozessor M9. Mit diesem lässt sich der Sprachassistent Siri jederzeit via „Hey Siri“ starten. In den vorangegangenen Generationen musste man hierfür das iPhone an das Netzteil hängen.

Kameras: Du bist schön von hinten

Fangen wir von vorne an: Die Frontkamera besitzt eine Auflösung von 1,2 Megapixeln und ist damit deutlich schwächer als die Kameras im iPhone 6s. Für gute Selfies ist sie mit dieser anachronistischen Auflösung nur bedingt geeignet. Zudem benötigt sie viel Licht, erfreut dann aber zumindest mit stimmigen Farben. Videochats sind mit einer ausreichenden Auflösung von 720p möglich.

Im Gegensatz zur vorderen Kamera verbaut Apple hinten das gleiche Modul wie im iPhone 6s, die Ergebnisse sind also prinzipiell gleich wie bei unserem Test. Lediglich auf den optischen Bildstabilisator des iPhone 6s Plus muss man verzichten. Positiv: Die Kamera steht nicht wie bei den größeren und dünneren 6er-Modellen heraus. Ansonsten sind Daten und Leistungen der Kamera identisch: Der Sensor liefert 12 Megapixel, Videos sind in 4K mit 30 fps, Zeitlupenaufnahmen in 1080p mit bis zu 120 fps und 720p mit bis zu 240 fps möglich. Die Qualität der Videos und Bilder ist erstklassig. Die Farbwiedergabe wirkt natürlich, der Detailreichtum ist hoch. Auch das Bildrauschen in dunkleren Umgebungen hält sich in Grenzen. Damit empfiehlt sich das iPhone SE als gute Alternative zu Kompaktkameras.

Obwohl Apple auf 3D Touch verzichtet, ist die Funktion Live Photos mit an Bord, die letztlich ein Mini-Video aufnimmt. In Bewegung bringt man sie mit einem längeren Fingerdruck.

Langer Atem

Der Akku ist mit 1624 mAh gleich groß wie beim iPhone 5s. Da der A9 sparsamer arbeitet als der A7 im iPhone 5s, schafft das iPhone SE trotzdem längere Akkulaufzeiten: Apple gibt beispielsweise mit 12 Stunden ganze 2 Stunden mehr bei der Videowiedergabe an. In unserem Videotest bei mittlerer Displayhelligkeit hielt das iPhone SE sogar etwas länger durch. Im alltäglichen Mix kommen Anwender in der Regel über den Tag, für Power-User könnte es jedoch knapp werden. Es dauert fast exakt zwei Stunden, um den Akku des iPhone SE im ausgeschalteten Zustand vollständig wieder aufzuladen.
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Der Rotstift-Blues

Neben 3D Touch und der niedriger auflösenden Frontkamera gibt es noch einige Einschränkungen des iPhone SE gegenüber den großen aktuellen 6s-Modellen: Der Fingerabdrucksensor arbeitet nicht so schnell und entspricht dem im iPhone 5s. Das heißt jedoch nicht, dass er langsam ist. Eben nur etwas behäbiger. Den Barometer hat Apple gestrichen. Das kleine iPhone unterstützt zwar den schnellen Funkstandard WLAN-ac, allerdings kein MIMO wie die großen iPhone-Modelle. Diese unterstützen auch schnellere LTE-Verbindungen als das iPhone SE.

Die größte praxisrelevante Einschränkung dürfte allerdings die Auswahl an Speichergrößen sein: Apple bietet das Modell lediglich mit 16 GB und 64 GB an, 128 GB bleiben den großen iPhones vorbehalten. Auf der Habenseite verbucht das iPhone SE Bluetooth 4.2 und einen NFC-Chip. Der könnte irgendwann eine Rolle spielen, falls Apple Pay sich weiter verbreitet, denn Apple schränkt die Funktionalität des NFC-Chip auf sein Bezahlsystem ein.
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Fazit

Viel Auswahl hat man nicht: Wer ein kompaktes, einhändig bedienbares Smartphone mit kompromissloser Leistung und Top-Kamera sucht, findet derzeit nur das iPhone SE im Angebot. Die Android-Fraktion hat zwar prinzipiell mehr Auswahl, zeigt aber hier eine Lücke. Wenn Apple mit dem iPhone SE Erfolg haben sollte, dürfte die aber eher früher als später geschlossen werden.

Insgesamt hinterlässt das iPhone SE einen hervorragenden Eindruck und leistet sich kaum Schwächen. Mit den Einschränkungen wie bei der vorderseitigen Kamera, dem fehlenden 3D Touch und der Abwesenheit des Barometers könnte ich gut leben. Etwas mau ist die Auswahl an Speichergrößen, der Einstieg mit 16 GB etwas zu knapp. Wer das iPhone SE viel benutzen will, wird daher fast notgedrungen zum Modell mit 64 GB greifen. Wer hinsichtlich der Technik zu überhaupt keinen Kompromissen bereit ist, muss auch weiterhin zu einem Modell mit größerem Bildschirm greifen.

Das iPhone SE ist in 16 GB und 64 GB sowie allen Farben bei uns im Shop erhältlich.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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