Test: Apple TV 4. Generation als Spielekonsole

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Mit der Streaming-Box Apple TV 4 versucht der Hersteller, verlorenes Terrain gut zu machen: Apps sollen es richten und dem Fernseh-Zubehör den Weg in die Wohnzimmer ebnen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Spielen. Lohnt sich die TV-Box dafür? Wir haben die Remote geschwungen und einige Games getestet.

Chromecast und Fire TV: Die Konkurrenz ist hart und das Apple TV, obwohl Vorreiter im Streaming-Bereich, verlor mit zunehmenden Alter an Boden. Das Warten auf die neue Generation hat ein Ende und das Apple TV 4 bietet einige Neuigkeiten wie das Betriebssystem tvOS, mehr Speicher und eine Fernbedienung mit Bewegungssensoren, Mikrofon und Touch-Oberfläche. Zentraler Bestandteil des neuen Paketes ist aber ein eigener App Store, der neben den üblichen Diensten wie Netflix, Watchever, ARD- und ARTE-Mediatheken auch etliche Spiele enthält. Die meisten davon sind einem schon auf iPhone und iPad begegnet. Für Kunden von Amazon Prime Video steht keine App bereit und wird es wohl auch nicht geben – Amazon hat Apples Streaming-Box mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass sie den eigenen Video-Dienst nicht unterstütze. Auf eine App von Amazon wie für iPhone oder iPad sollte man also nicht hoffen. Es steht allerdings der Weg frei, Inhalte via AirPlay von iPhone oder iPad aus der Amazon-App heraus an das Apple TV zu streamen.

Das Apple TV 4 von hinten mit der neuen Remote.

Das Apple TV 4 von hinten mit der neuen Remote.

Die Einrichtung des Apple TV 4 ist äußerst simpel: Netzkabel anstecken, ein hoffentlich schon vorhandenes HDMI-Kabel mit Box und Fernseher verbinden und einschalten. iPhone-Anwender können im nächsten Schritt alle wichtigen Daten wie WLAN-Zugang und iTunes-Kennung via Bluetooth automatisch auf das Apple TV übertragen lassen. Alle anderen müssen die Daten umständlich über die Fernbedienung eingeben. Hier zeigt sich auch gleich ein Manko der Streaming-Box: Man kann nur ein Apple-Konto abspeichern, bei Account-Wechsel kommt man um eine Neueingabe nicht herum.

apple_tv_sortierungDie Oberfläche des Apple TV sieht aufgeräumt und recht schick aus. Die Icons sind für meinen Geschmack etwas zu groß geraten, was der Übersicht schadet, weil einfach nicht so viele Titel oder Apps angezeigt werden. Eine Katastrophe ist allerdings die Übersicht im App Store: Eine Auflistung aller Titel eines bestimmten Genres fehlt derzeit noch, sinnvolle Kategorien sind Mangelware. Wenn es ein Spiel nicht in die Apple-Feature- oder in die Beliebtheitsliste schafft, ist es über das Apple TV praktisch unauffindbar. Außer man kennt den Namen und tippt ihn in die Suche ein.

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Im App Store für Apple TV tummeln sich viele alte Bekannte: Bereits für iOS erworbene Titel lassen sich, falls vorhanden, kostenlos auf dem Apple TV herunterladen.

Für Anwender, die bereits iOS-Titel gekauft haben, lohnt es sich, die bereits erworbenen Titel aufzurufen. In den Account-Daten lassen sich alle bisherigen App-Einkäufe aufrufen und auf dem Apple TV ohne Neukauf einzeln installieren. Allerdings sind nur wenige Titel für das Apple TV angepasst und andere, wie Galaxy of Fire, sind mit einer neuen App vertreten. Hier muss man also auf jeden Fall neu kaufen.

Apple TV: Technik und Ausstattung

Angesichts der Konkurrenz ist das Apple TV der vierten Generation mit seinen Spielen etwas spät dran. Wenn man genauer hinsieht, ergibt die Verzögerung Sinn: Mit der 64-Bit-Architektur, dem A8-SoC sowie der noch recht frischen Grafik-API Metal bietet die Apple-Streaming-Box ausreichend Leistung für schöne 3D-Spiele in Full HD. Zudem hat Apple mit dem iPhone 6 Plus in der vergangenen Generation erstmals ein Mobiltelefon mit Full HD Auflösung vorgestellt und damit die Grundlage, damit Programmierer diese Auflösung auch auf dem Apple TV nutzen können. Klar: Die Power einer Playstation 4, einer Xbox One oder gar eines hochgezüchteten PC-Systems kann das Apple TV nicht liefern, aber Good-Enough-Quality für Gelegenheits-Zocker allemal. Als Vorzeigspiel fungiert hier das technisch schöne Action-Adventure im Zelda-Stil Oceanhorn, das sogar mit 60 Hz läuft.

Vorzeigespiel Oceanhorn glänzt mit schöner Grafik und flüssigen 60 fps.

Vorzeigespiel Oceanhorn glänzt mit schöner Grafik und flüssigen 60 fps.

Bei der Speicherausstattung spendiert Apple der Box immerhin 2 GB, bei der Flash-Speicher-Ausstattung hat der Anwender die Wahl zwischen 32 GB und 64 GB. Das ist für eine Streaming-Box mit Flash-Speicher üppig, Konkurrenten wie das Fire TV müssen mit weniger auskommen. Apple beschränkt derzeit die Größe der Spiele auf 200 MB. Wenn ein Spiel mehr benötigt, muss es nachladen und verbraucht also erst dann Flash-Speicher, wenn man das Spiel wirklich zockt.

Zu Recht wurde vielfach kritisiert, dass das Apple TV 4 maximal Full HD ausgibt und kein 4K beherrscht. Nun, zumindest für Spiele reicht Full HD, eine 4K-Auflösung würde die Box wie auch die aktuellen leistungsfähigeren Spielekonsolen überfordern.

Spieleauswahl

Die Unübersichtlichkeit des Spieleangebotes hat zumindest einen Vorteil, denn es rückt die Toptitel in den Fokus. Beispielsweise sind die vom iPhone bekannten Games wie Oceanhorn, das Rennspiel Asphalt 8 und das Schatten-Puzzle Shadowmatics sehr präsent – Titel, die etliche Stunden Spielspaß und eine ansprechende Grafik bieten. Selbst Crossy Road mit seiner 8-Bit-Retro-Grafik sieht hübsch aus.

Shadowmatic sieht auf dem großen TV richtig gut aus, die Steuerung mit der Remote fällt allerdings etwas umständlich aus, sobald man mehrere Objekte bewegen muss.

Shadowmatic sieht auf dem großen TV richtig gut aus, die Steuerung mit der Remote fällt allerdings etwas umständlich aus, sobald man mehrere Objekte bewegen muss.

Unter dieser glänzenden Oberfläche bewährter Games tummeln sich aber auch einige, auf die man gut verzichten kann, wie beispielsweise auf die Uralt-Pangea-Titel Nanosauru II und Bugdom 2. Beide Games konnten schon zu iPhone 3GS-Zeiten nicht überzeugen und sind inzwischen hoffnungslos veraltete Spielspaßkiller. Besonders das 3D-Jum’n’Run Bugdom 2 vergrätzt Spieler mit seiner trägen, ungenauen Steuerung und einer dummen Kamera, die garantiert nicht das zeigt, was man sehen möchte. Stellen die Pangea-Titel schon nicht die Krone der Spieleschöpfung dar, grenzt das Angebot beispielsweise vom 6 in 1 Family Pack schon an Dreistigkeit Es kopiert bekannte Simpel-Spiele wie Flappy Birds und 2046. Da wirkt eine Pong-Neuauflage schon fast innovativ. Wobei, auf die Idee sind auch mindestens schon zwei Entwickler gekommen. Der Vollständigkeit halber wollen wir noch erwähnen, dass sich das Spiel Xenocide nicht starten ließ. Da das Game kostenlos angeboten wird, ist das allerdings verschmerzbar.

Die Fernbedienung als Game-Controller

Wichtigster Unterschied zu anderen Streaming-Boxen ist die Fernbedienung, die nach Apples Vorstellungen einen Game-Controller ersetzen können soll. Sie besitzt neben vier Tasten und einer Lautstärkewippe ein Touch-Feld, das zusätzlich klickbar ist. Die Remote ist schmal und liegt gut in der Hand. Das Touch-Feld lässt sich mit Wischgesten bedienen und dient als Joystick, mit dem man beispielsweise Spielfiguren über den Bildschirm bewegen kann. Weiterhin enthält die Fernbedienung einen Bewegungssensor, der beispielsweise von Autorennspielen genutzt wird. Wie auf dem iPhone kann man somit das virtuelle Lenkrad per Bewegung steuern. Mit der Menü-Taste ruft man Spiel-Menüs oder den vorhergehenden Bildschirm auf. Die Taste mit dem Fernsehsymbol lässt einen auf den Apple-TV-Startbildschirm zurückkehren. Passiert das versehentlich, was bei uns im Test öfter vorgekommen ist, pausiert das Spiel und es lässt sich wieder dort aufrufen, wo man es verlassen hat.

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Klingt das Touchfeld nach einer guten Idee, stellt es sich in der Praxis als problematisch heraus. Die Steuerung via Wischgesten ist oft zu unpräzise. Hinzu kommt ein weiteres Manko, das beispielsweise bei dem Vertical-Shooter Phoenix HD öfter auftritt. Hier muss man den Finger häufig neu ansetzen, wenn man an den Rand des kleinen Touchfeldes gelangt, um das Schiff weiter in die gleiche Richtung steuern zu können. Allgemein kann man sagen: Titel, bei denen es auf eine exakte und schnelle Steuerung ankommt, machen kaum Freude und man sehnt sich nach einem „normalen“ Spielecontroller. Für das Apple TV kommen alle Controller in Frage, die Apples MFI-Standard unterstützen. Die zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie meist recht teuer sind, zudem ist die Auswahl noch klein.

Titel wie Asphalt 8 sehen gut aus und machen auch mit der Remote Spaß. Das Vergnügen wird etwas durch In-App-Käufe getrübt.

Titel wie Asphalt 8 sehen gut aus und machen auch mit der Remote Spaß. Das Vergnügen wird etwas durch In-App-Käufe getrübt.

Eine etwas bessere Figur macht die Bewegungssteuerung in Arcade-Rennspielen, denn die machen mit der Remote durchaus Spaß und laden damit zu der einen oder anderen Spritztour ein. Auffallend ist bei diesen Titeln der Versuch, über In-App-Käufe Umsätze zu generieren: Das trifft auf das grafisch ansprechende Asphalt 8: Airborne und das quietschbunte Beach Buggy Racing genauso zu wie auf Breakneck.

Simple Grafik, aber kurzfristig spaßig und eine gute Gelegenheit, mit der Remote zu fuchteln: Hit Tennis 3.

Simple Grafik, aber kurzfristig spaßig und eine gute Gelegenheit, mit der Remote zu fuchteln: Hit Tennis 3.

Bleibt noch die Wii-artige Steuerung, die man beispielsweise in Hit Tennis 3 testen kann. Das einfach gehaltene Tennisspiel macht kurzfristig Spaß, Präzision vermisst man aber auch hier. Eher meditativ geht es bei Shadowmatic zu, bei dem man aus abstrakten Objekten einen figürlichen Schatten an die Wand zaubern muss. Das von iPhone und iPad bekannte Spiel lässt sich nach etwas Eingewöhnungszeit recht gut steuern, allerdings nervt das Umschalten per Klick zwischen Figuren. Das geht mit der Fingersteuerung auf dem iPhone besser. Apropos Klick: Bei Titeln wie Badlands, wo man die Spielfigur durch häufige Klicks in der Luft halten muss, nervt das laute Klickgeräusch. Hier wäre ein einfacher Finger-Tap die bessere Lösung gewesen. Letztlich kann die Remote nicht überzeugen und letztlich besitzt sie nur den Vorteil, dass man ein Spiel damit prinzipiell steuern kann. Wenn man wirklich spielen will, kommt man an einem zusätzlichen Controller kaum vorbei.

Spaß zu zweit: iPhone als zweiter Controller

Crossy Road lässt sich auch zu zweit spielen, als zusätzlicher Controller lässt sich ein iPhone verwenden.

Crossy Road lässt sich auch zu zweit spielen, als zusätzlicher Controller lässt sich ein iPhone verwenden.

Dem Apple TV liegt nur eine Remote bei. Trotzdem kann man manche Titel wie Crossy Road sofort zu zweit spielen. Vorausgesetzt, man hat ein iOS-Gerät wie das iPhone parat. Das Spiel installiert man auf iPhone und Apple TV. Beide Geräte müssen sich im gleichen WLAN befinden, der Spieler auf dem iPhone kann sich einfach auf seinem Gerät im Spiel einbuchen und mithüpfen. Zu zweit gewinnt das simple Spiel, die unterschiedliche Steuerung – Fingertap auf dem Phone, Klick auf der Remote – macht bei diesem Titel kaum einen Unterschied.

Fazit

Nach anfänglichem Wohlwollen bleibt Ernüchterung. Ja, es gibt schon jetzt gute Spiele für die eine oder andere vergnügliche Minute am TV. Ein Kaufgrund sind sie für Apples Streaming Box (noch) nicht. Dazu fehlen noch frische und exklusive Spiele, die einen längerfristig genussvoll beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Remote keinen echten Gamecontroller ersetzen kann. Hier müsste man also nochmals investieren. Das Apple TV der 4. Generation wirkt wie ein Anfang und letztlich ist es das auch: ein Anfang. Es bleibt noch eine Menge für Apple und die Spielentwickler zu tun. Umsetzungen allein werden nicht reichen, um Gamer-Herzen zu erobern.

 

Das Apple TV bekommst du bei uns im Shop.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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