Test HTC Vive Teil 2: Im Rausch der VR-Tiefe

HTC_Vive_teaser_2Nach dem Test der Hardware der HTC Vive ist nun die Software dran: Wir tauchen tiefer in die Materie ein, erklimmen Berge, operieren am offenen Herzen und scheuen keine Mühe, die Fragen aller Fragen zu beantworten: Wie fühlt sich der Cyberpace mit der HTC Vive an und lohnt es sich schon jetzt, die künstlichen Welten zu erforschen?

Ich stehe auf dem Deck eines versunkenen Schiffes und sehe den leuchtenden Fischschwärmen zu, die an mir vorbeiziehen. Mit einer Handbewegung vertreibe ich sie. Im nächsten Augenblick schaue ich in das Auge eines gigantischen Wals. Er zwinkert mir zu. Wechsel. Nur noch wenige Meter zum Gipfel. Unter mir breitet sich das Tal aus. Mir wird mulmig. Ein Schritt vorwärts und ich würde in den Abgrund stürzen. Ein Roboterhündchen taucht auf. Ich werfe Stöckchen und spiele mit ihm.

HTC_Vive_Vesper_Park

Das waren ungefähr die Eindrücke, als ich das erste Mal die virtuellen Räume mit der HTC Vive betrat. VR ist für mich kein Neuland. Eigentlich. Vom Virtual Boy von Nintendo über die Durovis Dive bis hin zur Entwicklerversion der Oculus Rift und High-End-Brille mit zwei Full-HD-Displays hatte ich schon einiges auf der Nase. Während mich die Virtual-Reality-Lösungen auf Smartphone-Basis nicht überzeugen konnten, sieht es bei den neueren PC-basierten Brillen deutlich anders aus. Mit ihnen taucht man intensiv in die virtuelle Realität ein, erlebt den computergenerierten Raum in „echt“.

Vorsicht, Höhenangstgefahr! Der Blick ins Tal mit der HTC Vive.

Vorsicht, Höhenangstgefahr! Der Blick ins Tal mit der HTC Vive.

Dabei reagierten wir im Test ziemlich ähnlich: Allen drei Redakteuren wurde beim Blick ins Tal etwas flau, das Höhengefühl und damit mehr oder weniger Höhenangst war da. Der Kopf weiß, dass es simuliert ist, der Körper nicht ganz so. Das Wort „Immersion“ taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: Man fühlt sich tatsächlich so, als wäre man dort. Unter Wasser. Auf der Bergspitze. In einer Höhle. Der Raum aus dem Rechner scheint tatsächlich real zu sein und wir mittendrin.

HTC_Vive_Action

Das führt manchmal zu etwas seltsamen Effekten. Robert war erstaunt, dass er in der virtuellen Realität seine Füße nicht sehen konnte. Oliver konnte sich in der „echten“ Realität nicht mehr mit seinem Computer-Monitor anfreunden. Da fehle doch die dritte Dimension. Als ich nach der ersten Session unseren neu geschaffenen VR-Raum verließ und etwas später zurückkehrte, wunderte ich mich, als ich die Tür öffnete und in das kahle Zimmer sah. Wo war die wunderbare Welt hin, die eben noch da war?

Die Simulations-Übelkeit trat bei uns übrigens zu keinem Zeitpunkt auf. Dafür aber der Gewöhnungseffekt, das Gehirn lernt eben mit. Man erinnere sich an die Anekdote von der ersten Kinoaufführung, bei der die Besucher angeblich vor der herannahenden Lokomotive flüchteten. Kino, Romane, Spiele: Alles Medien, die immersive Erlebnisse bereithalten, die man aber lernt und mit zunehmender Erfahrung besser einordnen kann. Das ist mit VR nicht anders. Die Faszination bleibt trotzdem. Dreh- und Angelpunkt ist weniger die Technik, sondern die Titel, die einen in die virtuelle Welt versetzen.

HTC_Vive_steam_bibliothek

Etliche Titel für die HTC Vive haben wir ausprobiert.

Bereits jetzt zum Start lassen sich über Steam von Valve etliche Spiele und Anwendungen erwerben oder als Demo laden. Einige davon haben wir uns angeschaut.

The Lab

Von Valve steht das liebevoll gestaltete The Lab bereit, um erste Schritte in der virtuellen Realität zu beschreiten. In einem Labor kann man verschiedene Kleinigkeiten ausprobieren, die etliche Anwendungsmöglichkeiten von VR zeigen. Beispielsweise findet man hier die schon erwähnte Panorama-Ansicht in der Bergwelt, die einen ziemlich überwältigt. Eine andere Rundumsicht wie der Marktplatz in Venedig war hingegen durch pixelige Texturen und grobe Polygonkonstruktionen eher ein abschreckendes Beispiel. In einer anderen Demo muss man in einem futuristischen Setup einen Roboter reparieren. Das ist effektvoll und ansehnlich gemacht, der Spaß aber nach kurzer Zeit vorbei. Das trifft auch für fast alle anderen Sehenswürdigkeiten zu.

Der Shooter Xortex 26XX für die HTC Vive sorgt kurzfristig für Spaß.

Der Shooter Xortex 26XX für die HTC Vive sorgt kurzfristig für Spaß.

Mein Highlight war der virtuelle Arcade-Automat: Der steht im Labor als „echter“ Automat, an dem man in 2D spielen kann. Oder man taucht in die Maschine ein und kämpft im Titel Xortex 26XX im dreidimensionalen Raum um das Leben des kleinen Raumschiffs, während Horden von Gegnern auf einen einstürzen. Das macht zwar kurzfristig Laune, außer High-Score-Jagd gibt es allerdings nichts, was einen länger motivieren könnte. Aber das Lab ist eben auch nur eine Demo und man merkt, wie viel Spaß und Liebe zum Detail darin steckt.

Audioshield

HTC_Vive_audioshield

Einige der Titel in Audioshield für die HTC Vive.

Als nächstes steht das viel gelobte Spiel Audioshield auf dem Plan. Im Gegensatz zu The Lab muss man hier allerdings die (reale) Geldbörse öffnen, wenn man eintauchen will. Audioshield entpuppt sich als einfaches Rhythmus-Spiel, bei dem man als virtueller Gladiator in einer Arena blaue, rote und ab und zu lilafarbene Bälle mit Schildern abwehren muss. Neben dem blauen und roten Schild in drei verschiedenen Versionen lassen sich die Schilder auch kreuzen, um die lilafarbenen Kugeln abzuwehren.

Der Effekt, wie sie funkensprühend zerplatzen, ist schön anzusehen und wird wirkungsvoll von Vibrationen der Controller unterstützt. Ein durch und durch physisches Erlebnis. Die Song-Auswahl ist gelungen, neben den vorinstallierten Titeln lassen sich weitere Lieder über Soundcloud auswählen. Das räumliche Gefühl unterstützt gut das schweißtreibende Musikerlebnis. Einzige Mankos: Zwei Arenen sind etwas wenig, sie sind zudem etwas schlicht gestaltet. Insgesamt hat mir das Spiel aber sehr viel Spaß gemacht.

theBlu

Eine der ersten Demos für die HTC Vive war theBlu: Whale Encounter. Die ist im theBlu-Paket neben zwei anderen Unterwasser-Erfahrungen mit drin. Zusammen mit Reef Migration ist Whale Encounter ein idealer Vorführtitel für VR und gibt einen schönen Vorgeschmack auf das, was Virtual-Reality sein kann.

TheBlu für die HTC Vive;: Fantastisch, aber letztlich doch nur eine Demo.

TheBlu für die HTC Vive;: Fantastisch, aber letztlich doch nur eine Demo.

Die Interaktion mit Fischen macht wie die Erforschung eine Menge Spaß und nur abgebrühte Naturen werden die Begnung mit dem Wal kalt lassen. Wenn man auf der Basis eine größere Welt erforschen könnte, würde der Titel sofort in den Einkaufswagen wandern.

Tilt Brush

Tilt Brush von Google ist einer der wenigen Anwendungen, die in der Form nur in VR sinnvoll sind. Man malt in 3D und kann nicht nur um die Ergebnisse herumschleichen, sondern sich auch in ihnen bewegen. Die quadratische Malfläche entspricht ungefähr den Abmessungen des virtuellen Spielraums. Besonders beeindruckend sind die Partikeleffekte.

Auch Nicht-Künstlern gelingen sehenswerte Ergebnisse, trotz der manchmal etwas hakeligen 3D-Menüführung über den Controller. Die ist verbesserungswürdig. Trotzdem ist Tilt Brush eine Empfehlung und gehört auf die Must-have-Liste. Google hat eine sehenswerte Webseite zu Tilt Brush mit vielen Videos online gestellt, die naturgemäß nur sehr begrenzt die eigentliche virtuelle Erfahrung wiederspiegeln kann.

Von Herz-OP bis Selfie-Tennis: Rest vom Fest

Aus dem schon ziemlich breiten Angebot von Titeln haben wir noch etliche andere ausprobiert oder wenigstens angespielt. Der Eindruck war durchwachsen. Viele Spiele wirken äußerst simpel und/oder machen zumindest uns wenig Spaß. Als Beispiel sei hier der Surgeon Simulator genannt. Der überzeugt nur kurzfristig als makabrer Einstieg in das Thema Herz-Chirurgie, ist letztlich aber nicht mehr als ein Mini-Spielchen.

Hart aber herzlich: Surgeon Simulator für die HTC Vive.

Hart aber herzlich: Surgeon Simulator für die HTC Vive.

Wir haben Säge und Baseballschläger jedenfalls schnell wieder zur Seite gelegt und den Knopf gedrückt, den man nicht drücken darf. Etwas harmloser kommt SelfieTennis daher, das an erste Playstation-Titel aus der Frühzeit der 3D-Darstellung erinnert. In einer quietschbunten Umgebung spielt man Tennis gegen sich selbst. Das heißt, nach jedem Schlag wechselt man die Seite und damit die Perspektive. Auch dieses Spiel wirkt eher wie ein Demo-Titel. Ähnlich erging es uns mit weiteren Titeln: Sie machen oft nur kurzfristig Spaß und können lediglich andeuten, in welche Richtung sich VR entwickelt.

Unser Setup: Statt der beiliegenden Ohrstöpsel verwendeten wir mit der HTC Vive Kopfhörer von AKG.

Unser Setup: Statt der beiliegenden Ohrstöpsel verwendeten wir mit der HTC Vive Kopfhörer von AKG.

Fazit

Die HTC Vive konnte die gesamte Redaktion begeistern, was nicht allzu oft vorkommt. Der Haben-Wollen-Faktor ist groß. Vor allem die Room-Scale-Erfahrung, also die Möglichkeit, sich im Raum zu bewegen, intensiviert das Mittendrin-Gefühl ungemein. Auch die Controller sind dem Team HTC/Valve gut gelungen. Abstriche gibt es beim Tragekomfort, hauptsächlich wegen der Kabel. Hier besteht Stolpergefahr. Bei aller Begeisterung ist aber auch eines klar geworden: Zwar finden sich auf Steam bereits jetzt jede Menge Titel, aber die ganz große VR-Anwendung haben wir noch nicht entdeckt.

Im Augenblick benötigt man zudem einen sehr gut ausgestatteten PC, um eine befriedigende Performance zu gewährleisten. Die Leistung wird mit der Zeit günstiger zu haben sein, sodass sich in Zukunft VR auch mehr verbreiten kann und wahrscheinlich auch wird. Nur an einer Schraube lässt sich nicht ohne weiteres drehen: Für die HTC Vive benötigt man viel freien Platz, um das System wirklich ausreizen zu können. Am Schluss bleibt eine Warnung: Erste Erfahrungen mit den Virtual Reality Systemen kann zu akutem Gewichtsverlust des Geldbeutels führen.

Den ersten Teil des Tests der HTC Vive findest du hier.

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Über Marcel Magis

Ich bin Journalist und Schriftsteller. Unter anderem arbeitete ich für macnews.de, c't, Telepolis und notebookjournal.de. Ich liebe Nudeln und schreibe in meiner freien Zeit unverdrossen an einem großen Roman weiter, der wöchentlich im Netz erscheint. Du findest mich auf Facebook, XING und meinem Blog.
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